Kosmische Umarmung

Die in Berlin lebende Japanerin Leiko Ikemura verbindet in ihrer Kunst ostasiatische mit europäischen Traditionen. Eindrücke von einer Ausstellung im Kunstmuseum Basel.

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Christoph Heim@bazonline

Sie kommt einem vor wie eine moderne Madonnenstatue. Die übergrosse, patinierte Bronzeskulptur hat Leiko Ikemura in den Lichthof des Neubaus des Kunstmuseums Basel gestellt; rund 700 Kilogramm wiegt das «Usagi Kannon» genannte hasenohrige Mädchen mit seinen zum Beten verschränkten Händen und den weinenden Augen. Der Körper sitzt auf einem glockenförmigen, mit unzähligen Löchern übersäten Rock, der vorne eine türähnliche Öffnung hat.

Diese mädchenhafte Mutter oder dieses mütterliche Mädchen, entstanden in den Jahren 2012/2019, sieht naturalistischer aus als alles, was die Künstlerin bisher geschaffen hat. In dieser Skulptur verbindet sie Euro­päische und asiatische Traditionen, insbesondere soll das traurige und Schutz versprechende Menschtierwesen an Darstellungen der buddhistischen Gottheit Bodhisattva erinnern.

Surrealistische Anfänge

Leiko Ikemura gelangte schon in den Achtzigerjahren mit ihren harten, manchmal aggressiv wirkenden Zeichnungen im Stil der Neuen Wilden zu einiger Berühmtheit. Sie schlug sich damals in geradezu surrealistischer Manier mit ihren Träumen, mit ihrem Alltag und der Politik herum, denen sie in oft krakelig wirkenden Bleistift- und Kohlezeichnungen Form gab. Nur vereinzelt fand diese gezeichnete Vorstellungswelt, der in der ­Basler Ausstellung viel Raum ­gegeben wird, ihren Ausdruck in Gemälden. Eine geradezu furchterregende Malerei, die vier mächtige, mit spitz zulaufenden Zackenbeinen bewehrte Taranteln aufmarschieren lässt, hängt nun im ersten Saal der Ausstellung. Als Besucher fragt man sich, ob die Spinnentiere als Menetekel gedacht sind oder als Wächterinnen der im Museum versammelten Kunstwerke.

Ikemura, 1951 in der Nähe von Tokio geboren, absolvierte ihre Ausbildung in Japan. In den Siebzigerjahren kam sie nach Europa, wo sie zuerst im spanischen Sevilla studierte. Darauf zog sie nach Zürich. Mitte der Achtzigerjahre ging sie weiter nach Köln; 1991 wurde sie als Professorin an die Kunsthochschule Berlin berufen.

Wohltuendes Bündner Tal

In der Schweiz, im schroffen Taleinschnitt des bündnerischen Thusis, entstanden 1989 und 1990 die «Alpenindianer», eine Serie von zehn Landschaftsbildern, von denen drei der schönsten in der Basler Ausstellung zu sehen sind. Im Vergleich zu den Zeichnungen strahlen diese Mittelformate, die gebirgige Landschaften, menschliche Figuren und eine breite Farbpalette zu fast schon abstrakten Gemälden verschmelzen, eine erstaunliche Harmonie und Sanftheit aus. ­Offenbar fand die Künstlerin in den Bergen zu innerer Ruhe und entdeckte für sich und für ihre Malerei die wohltuende Wirkung der Landschaft.

Landschaften sind ein Thema, das sie nicht mehr loslassen sollte und das insbesondere in den grossen Triptychen, die in den letzten paar Jahren in Berlin entstanden sind, in den Vordergrund ihres Schaffens drängt. Leiko ­Ikemuras Landschaftsbilder mit ihren anthropomorphen Elementen beschwören eine geradezu kosmische Einheit und sind damit Zeugnisse einer Privatmythologie, die das Werk der Künstlerin zunehmend durchwirkt.

In ihrer Kunst lässt sich ganz allgemein ein komplexer Integrationsprozess beobachten, der aussen und innen, Menschen und Tiere und verschiedene kulturelle Traditionen auf höchst eigenwillige Weise verschmilzt. Genau hier liegt auch das Interesse der Japanerin mit Schweizer Pass, die in Europa zwar ein Terrain für ihre kulturelle und künstlerische Befreiung suchte und fand. Sich aber hier, wie sie sagt, keineswegs zu assimilieren trachtete.

Schöpfung aus dem Nichts

Bevor wir nochmals auf die Feinheit und Zärtlichkeit der Malereien zu sprechen kommen, die manchmal so hinreissend hingetupft und hingewischt, manchmal aber auch beinahe süsslich wirken, werfen wir einen Blick auf eine fast unscheinbare Zeichnung. «Ur» heisst dieses Blatt, auf dem mit einem leichten und flächig geführten Kohlestift ein rundliches Gebilde sichtbar gemacht wird, aus dem zwei längliche Ohren in den Bildraum emporwachsen. Sie waren, wie Leiko Ikemura anlässlich unserer Besichtigung erzählt, ursprünglich gar nicht als Ohren gedacht. Vielmehr handelt es sich hier um primäre Ausstülpungen aus einer rundlichen Form, um die ersten Bewegungen beziehungsweise Resultate eines Kreationsprozesses; einer «creatio ex nihilo» gewissermassen, denn manchmal nimmt auch die Arbeitsweise dieser Künstlerin, die so sehr nach dem Wesentlichen des Menschen und dem Wesentlichen der Formen sucht, etwas Göttliches an.

Diese Formsuche und Formbildung findet in den gebrannten Keramikskulpturen ihre Fortsetzung. Diese entstanden in den 90er-Jahren und werden von Anita Haldemann, der Leiterin des Basler Kupferstichkabinetts, auf einem gelblichgrünen Podest wunderbar in Szene gesetzt. Es handelt sich um seltsame Gebilde, so gross wie Spielzeugpuppen oder Blumenvasen, die sich eindeutigen Formzuschreibungen verweigern. Sie kommen einem vor wie Dinge, die sich unterwegs ins Mensch- oder Tiersein befinden. Transitorische Objekte, die oft noch die für Vasen typischen Öffnungen aufweisen, andererseits aber schon übergegangen sind in die Welt des Menschenähnlichen, deren Gesichter ganz entfernt und wohl nicht ganz zufällig an japanische Mangafiguren erinnern.

Noch alles im Werden

Solche Assoziationen stellen sich auch beim Betrachten von Leiko Ikemuras Mädchenbildern ein, den «Girls», in denen sie, meist reduziert auf die Primärfarben, geradezu durchsichtig wirkende junge Frauen mit meist gesichtslosen Köpfen auf die Leinwände haucht. Gehend oder liegend, manchmal springend und tauchend, erzählen diese hinreissenden Malereien von jugend­lichen Frauen, in deren Leben ­alles noch Werden ist. Die ganz und gar ein Versprechen sind. Die zugleich auch unendlich sensibel sein können. Zu Fall gebracht von der Welt. Oder in sich versunken in ein geradezu kosmisches Trauern.

Kunstmuseum Basel. Ausstellung vom 11. Mai bis 1. September.

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