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Kunst vom Rand der Welt

Auf «sensible Themen im Museum» fokussiert der Internationalen Museumstag vom 21. Mai. Schweizweit nehmen 200 Institutionen am Aktionstag teil. Darunter ein kaum bekanntes privates Museum, das in Bern Inuit-Kunst sammelt.

Kunst aus Stein und Tier: Martha und Peter Cerny in ihrem Berner Museum.
Kunst aus Stein und Tier: Martha und Peter Cerny in ihrem Berner Museum.
Beat Mathys

Die Madonna mit dem Kind. Der Denker in gebeugter Haltung. Jesus am Kreuz. Es sind Figuren der westlichen Kultur- und Kunstgeschichte, die wir in allen Variationen, Abstraktionen und Verfremdungen erkennen. In der Cerny Inuit Collection hilft dieser erworbene Bildcode nicht weiter.

Was hier dargestellt ist, geschnitzt aus Horn und Knochen, erzählt für uns fremde Geschichten. Sie stammen vom Rand der Weltkarte, aus dem arktischen Raum. Dort, von Sibirien bis ­Arctic Québec, schaffen Menschen Kunst, die den Begriff «Kunst» nicht im Wortschatz führen. Die für uns so zentrale Unterscheidung in Kunsthandwerk und Kunst gibt es bei den Inuit nicht. Ein Werk kann zugleich eine mythologische Figur darstellen und als Kelle dienen.

Auch die verwendeten Arbeitsmaterialien stammen nicht wie bei uns aus dem Malergeschäft oder dem Baumarkt, sondern von lokalem Gestein oder von erlegten Tieren. Was nicht gegessen oder für Kleidung und Zelte weiterverarbeitet werden kann, wird Teil eines anderen Kreislaufs: ­jenem des Geschichtenerzählens.

Immer wieder trifft man beim Rundgang durch das Berner Privatmuseum auf Darstellungen der Naturgöttin Sedna. Im langen, wallenden Haar der Meeresgöttin sammeln sich die Vergehen der Menschen. Je schmutziger Sednas Schopf, umso mehr Meerestiere hält sie in den Wogen zurück – verheerend für die Völker, die ihre Nahrung aus dem Meer fischen.

Solche mythologischen Szenen, geschaffen von zeitgenössischen Inuit-Künstlern, thematisieren auf einer weiteren Ebene aktuelle Probleme wie die Verschmutzung der Meere, Ressourcenknappheit oder den Klimawandel. Auch die kulturellen Wurzeln der nomadischen Völker, die im 19. Jahrhundert missioniert und nach dem Zweiten Weltkrieg teils zur Sesshaftigkeit gezwungen wurden, werden durch die Kunst bewahrt. Passend also, dass die Cerny Inuit Collection am Internationalen Museumstag teilnimmt, der dieses Jahr unter dem Motto «Mut zur Verantwortung! Sensible Themen im Museum» steht.

Seit über 30 Jahren Sammler

Wie die gezeigte Kunst nimmt auch das Museum selbst eine Randposition in der Berner Kulturlandschaft ein. Seit über 30 Jahren sammeln Martha und ­Peter Cerny Werke von arktischen Künstlern. Das Paar, das sich bei der gemeinsamen Arbeit in einem kanadischen Spital in Marthas Heimatland kennen gelernt hat, legt einen Fokus auf Kunst, die seit den Sechzigerjahren entstanden ist.

Über 1000 Stücke umfasst ihre international beachtete Sammlung mittlerweile. Ein Bruchteil davon wird seit 2000 in wechselnden Ausstellungen präsentiert – früher an der Aarbergergasse, später an der Gerechtigkeitsgasse und der Weyermannsstrasse und nun an der Stadtbachstrasse in Bern.

Reduzierte Statuen, Hybride aus Menschen und Bären, beispielsweise. Aber auch zeitgenössische Arbeiten, die eine universellere Bildsprache sprechen. Eine Steinskulptur von Jesse Tungilik zeigt etwa einen Fischer, der vor einem verschlossenen Gully kauert und auf Beute wartet, die nicht anbeisst.

Auf Auktionen und Reisen

Auf internationalen Auktionen oder direkt bei befreundeten Kunstschaffenden stossen Peter und Martha auf interessante Werke. Regelmässig reisen sie ­dafür in den hohen Norden. Zudem haben sie in der Vergangenheit bestehende Sammlungen übernommen.

Ihr Ziel ist es, das kulturelle Erbe der Inuit zu erhalten und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen – über Ausstellungen, aber auch über zahlreiche Nebenprojekte, an denen sie beteiligt sind. Mit der York University Toronto arbeiten sie derzeit an einer Onlinedatenbank, in der die Kunstwerke mit ihren jetzigen Standorten erfasst werden sollen. Damit auch die Künstler nachvollziehen können, welchen Weg ihre Arbeiten zurücklegen. Arbeiten, die selbst zu Nomaden wurden.

Cerny Inuit Collection:Das Museum hat am Internationalen Museumstag, 21. Mai, von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Stadtbachstrasse 8a, Bern. Führungen um 14 und 16 Uhr.

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