Zum Hauptinhalt springen

«Lebendiges Bilderbuch»

Graffitikunst aus dem 18. Jahrhundert: Ein Besuch in den Lüftlmalerorten Mittenwald und Oberammergau, wo auch heute noch an Hausfassaden gemalt wird.

Historische und heutige Lüftlmalerei: Petrus und Paulus am barocken Mittenwalder Kirchturm,...
Historische und heutige Lüftlmalerei: Petrus und Paulus am barocken Mittenwalder Kirchturm,...
Ulrich Traub
...die Fassade des Post-Hotels in Mittenwald,...
...die Fassade des Post-Hotels in Mittenwald,...
Ulrich Traub
Bernhard Rieger zeigt einen Entwurf für die Fassade.
Bernhard Rieger zeigt einen Entwurf für die Fassade.
Ulrich Traub
1 / 6

O Schreck! Hier scheint sich ein Bergsteigerdrama abzuspielen. Ein erfahrener Kletterer will einem jungen Wilden, der an einer Felswand abzurutschen droht, zu Hilfe kommen. Ein Bein des Freeclimbers hängt bereits über dem Abgrund. Doch Sorgen sind unangebracht. Es handelt sich nur um eine Fassadenmalerei – aber was für eine.

Vor glutroter Kulisse hat der Künstler diesen Moment auf der Hauswand eines Hotels in Garmisch festgehalten. Und aufgepasst: Das überhängende Bein ist tatsächlich dreidimensional. Nun kann man in dieser Gegend Oberbayerns nicht selten bemalte Häuser sehen. Die Motive sind jedoch fast immer religiöser und volkstümlicher Natur.

Lüftlmalerei wird diese regionale Ausprägung der Graffitikunst genannt, die in vermeintlich weltläufigen Kreisen oft milde be­lächelt wird. Bernhard Riegers ­effektvolles, 60 Quadratmeter grosses Fresko unterscheidet sich in doppelter Hinsicht von herkömmlichen Lüftlmalereien.

Der Künstler aus Krün konnte sein Werk nach einer eigenen Idee realisieren. Normalerweise werden solche Arbeiten nach Wünschen der Hausbesitzer angefertigt. Zudem erzählt es eine aktuelle Geschichte. «Mein Traum ist es, Altes neu aufleben zu lassen», sagt Rieger.

Goethes Vergleich

Bei Spaziergängen durch berühmte Lüftlmalerorte wie Mittenwald und Oberammergau gibt es jede Menge üppig bemalter Hausfassaden zu bestaunen – historische und neuere. Goethes Vergleich, Mittenwald sei ein «lebendiges Bilderbuch», trifft es noch heute. Ein reisserisch Tradition und Moderne verbindendes Ausrufezeichen wie das Werk von Bernhard Rieger ist nicht darunter, was den Reiz aber nicht schmälert.

Hier flüchtet die Heilige Familie nach Ägypten, dort kämpft Georg mit dem Drachen. Um die Ecke löscht Florian einen Brand. Man sieht eine vielgestaltige Marktszene, während auf der anderen Strassenseite eine Bauernidylle vor majestätischer Bergwelt auftaucht. Selbst Goethe hat sich auf einer Hauswand niedergelassen. Es wird ganz schön was geboten auf den Fassaden Mittenwalds. Hilfreich für heutige Betrachter ist, dass die Künstler hier und da Namen der Heiligen daruntergeschrieben haben.

«Für eine Lüftlmalerei braucht es eine Szene mit Personen», beschreibt Regine Ronge den Charakter dieser speziellen Malerei. Es solle etwas erzählt werden. Die Mittenwalderin hat sich mit grossem Interesse dieser Thematik gewidmet. «Die Kenntnis der Urheber und der Bedeutung der ­alten Malereien schwindet», mahnt sie. «Dagegen wollte ich etwas tun.»

«Mein Traum ist es, Altes neu aufleben zu lassen.»

Bernhard Rieger

Ronge organisiert Rundgänge, die in die Bildwelten einführen. «In Mittenwald sind noch 22 historische Lüftlmalereien erhalten», weiss die Expertin. Über 100 neue, die ihre Motive aber stets historisierend interpretieren, sind hinzugekommen. Die alten Fresken, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden sind, zeigen ausschliesslich religiöse Motive. «Es waren ursprünglich viel mehr», erzählt Regine Ronge, «aber diese Malerei war im 19. Jahrhundert schlichtweg out.» Deshalb seien unzählige Kunstwerke verloren gegangen, durch Abriss und Übermalung.

Wer sich in die Malerei am Gasthaus Alpenrose vertieft, kann die Verluste nur bedauern. In kunstvoll Architekturelemente vortäuschenden Medaillons werden Tugenden wie Nächstenliebe und Stärke sowie die fünf Sinne in barocken Szenen symbolisiert. Im Giebelfeld sieht man eine Marienkrönung. «Wer tugendhaft seine Sinne einsetzt, wird in den Himmel kommen», bringt Regine Ronge das Bildprogramm auf den Punkt.

Auch die Geschichte hinter zwei seltsamen Herren hat sie entschlüsselt. Dem einen steckt ein Splitter im Auge, seinem Gegenüber ein Balken. Aus der Bergpredigt stammt das Gleichnis, kleine Fehler anderer zu sehen, grosse eigene indes nicht. Es wurde hier lüftlmalerisch interpretiert, «weil man den Hausherren und Auftraggeber zu Unrecht eines Vergehens beschuldigt hatte», vermutet Ronge.

Restaurationsbedarf

Einige dieser historischen Malereien müssen dringend restauriert werden. Aber die immer als Auftragsarbeiten ausgeführten Fresken befinden sich im Privatbesitz. Und nicht jeder schätzt seinen Fassadenschmuck so sehr, dass er investieren möchte. Im nahen Oberammergau sollte in den 80er-Jahren das Pilatus-Haus abgerissen werden. «Eine Bürgerinitiative konnte dies verhindern», erinnert sich Helga Stuckenberger.

Heute ist das freistehende, von allen Seiten be­malte Gebäude Höhepunkt der Lüftlführungen. Sein ehemaliger Besitzer hat es 1784 von Franz ­Seraph Zwinck bemalen lassen, dem bekanntesten Lüftlmaler. Zentral ist die in illusionistische Palastarchitektur eingebundene Szene, die Jesus vor Pilatus zeigt. «Der Auftraggeber hat den Pilatus bei unserer Passion gespielt», erläutert die Oberammergauerin. Mittlerweile beherbergt das schöne Haus das Kunsthandwerkszentrum des Ortes.

«Für eine Lüftlmalerei braucht es eine Szene mit Personen.»

Regine Ronge

Die Passionsspiele selbst sind auch Thema einer Lüftlmalerei. «Sie sehen hier den Schwur der Bürger, nach überstandener Pest alle zehn Jahre die Passion aufzuführen», erklärt Helga Stuckenberger, die auch schon als Darstellerin mitgewirkt hat. Die Malerei ist 1934, 300 Jahre nach der ersten Ausrichtung des Spiels, entstanden. «Diese neueren Malereien werden bis heute al secco ausgeführt, auf getrocknetem Putz im Gegensatz zur früheren Fresko-Malerei.» Einfacher sei das zwar, aber die Arbeiten seien weniger lange haltbar und nicht so ausdrucksstark, meint die gelernte Holzschnitzerin.

Von der Lüftlmalerei allein konnte man auch zu Boomzeiten, als der Trend von Italien über die Alpen gekommen war, nicht leben. Die Künstler nahmen Aufträge für Arbeiten in Kirchen an oder fertigten Krippen. Die wenigen heutigen Maler sind vor allem als Restaurateure gefragt. Komplette Fassadengestaltungen sind selten geworden. «Seinen Reichtum stellt man längst auf andere Weise zur Schau», so Regine Ronge, «meist weniger kunstvoll.»

Nur wenige Aufträge

Christina Dichtl gehört zu den wenigen, die neben Restaurierungen auch eigene Lüftlmalereien ausführen. «Leider viel zu selten», räumt die Künstlerin aus Bad Bayersoien ein. In Oberammergau hat sie eine Interpre­tation der «Bremer Stadtmusikanten» auf die Fassade eines Kinderheims gemalt. Das Motiv hatten die Bewohner ausgewählt.

«Ich kann nicht sagen, dass die Lüftlmalerei einen Aufschwung erlebt», resümiert Dichtl, die vor ab als Hinterglasmalerin tätig ist. Sie findet es auch schade, dass nicht mal was Modernes gewagt werde. «Ich hätte da ein paar Ideen im Kopf.» Bis auf weiteres scheint Bernhard Riegers Garmischer Bergsteigerdrama die Ausnahme zu bleiben.

Infos und Führungen Mittenwald/Alpenwelt Karwendel: 08823 /33902, alpenwelt-karwendel.de. Oberammergau/Ammergauer Alpen: 08822/922740, ammergauer-alpen.de

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch