Nur nicht auf dem Teppich bleiben

Die Fondation Beyeler zeigt in einer grossen Ausstellung das Werk Rudolf Stingels: Berückend schöne Kunst zwischen Ornament und Abstraktion.

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Christoph Heim@bazonline

Es ist das grosse Besteck, das die Fondation Beyeler für ihre neueste Ausstellung, eine Retrospektive des zeitgenössischen Künstlers Rudolf Stingel, hervornimmt. Riesige Bildformate prangen an den Wänden. Zwei, drei Werke pro Raum genügen für diese Kunst, die einen trotz ihrer Abstraktheit und bei aller Hinwendung zum Ornament in ihren Bann zieht. Manchmal hat man das Gefühl, dass diese Werke gar nicht gross genug sein können. Dass sie jeden Rahmen und sogar jeden Raum zu sprengen imstande sind.

So geht man beim Betreten der Ausstellung durch einen Teppich hindurch, der gleich einer Tapete auf die Wand aufgeklebt ist. Die Symbolik dieser Passage könnte offensichtlicher nicht sein: Der Betrachter schreitet in das Werk hinein, das sich hier in Form einer rund zwanzig Werke umfassenden Ausstellung ausbreitet. Einige Säle später, im zweitletzten Raum der Schau, wächst der gleiche Teppich um uns herum, bedeckt alle vier Wände, lullt uns förmlich ein mit seiner weichen, schalldämpfenden Textur.

Verletzlich, wie der Künstler da liegt

Derart eingestimmt richten wir unsere Augen auf das übergrosse Selbstporträt, das hier auf dem Wandteppich platziert ist. Der Künstler hat es nach einer Fotografie gemalt. Es zeigt ihn mit weissem Hemd und dunklem Jackett auf einem Bett liegend, mit einem Dreitagebart im Gesicht und geöffneten Augen, die zur Decke starren. Ein melancholisch-sinnierendes Selbstporträt. Verletzlich, wie der Künstler da liegt. Vielleicht, wir spekulieren, entstehen in solchen Momenten, erschöpft aus der Vertikalen in die Horizontale gekippt, Stingels neuen Ideen?

Rudolf Stingel: «Untitled (after Sam)», 2006. Foto: Ellen Page Wilson

Rudolf Stingel ist 1956 in Meran geboren und lebt und arbeitet sowohl in New York wie in seiner Geburtsstadt. In der Mitte der 80er-Jahre begann er seine Karriere als Maler und Konzeptkünstler, die in der Ausstellung in Riehen mit wichtigen Werken aus allen Schaffensperioden vorgestellt wird.

Von Anfang an geht es Stingel darum, die Grenzen dessen zu sprengen, was Malerei traditionellerweise bedeutet. So stellte er 1991 in seiner ersten Galerieausstellung in New York nichts als einen Teppich in leuchtendem Orange aus, mit dem er den ganzen Galerieboden belegte. Die Besucher waren eingeladen, darüber zu gehen und dabei ihre Spuren zu hinterlassen.

Stingels Kunst sucht die Interaktion mit dem Publikum.

Ein ebenso leuchtend orangefarbener Teppich hängt nun in der Ausstellung in der Fondation Beyeler als Tapete, die in einem Saal vom Boden zur Decke reicht. Die gewaltige Weberei ist voller Abdrücke von Händen und anderen Spuren, die bei der Installation entstanden sind und einem eine Ahnung von der Geschichte des guten Stückes geben. Hier haben sowohl die Handwerker als auch die Besucher Spuren hinterlassen, die nicht nur von der Kraft sprechen, die zur Installation des schweren Gewebes aufgewendet werden musste, sondern auch von der Lust der Menschen, sich oder wenigstens ihre Hände und Finger im orangefarbenen Flor zu verewigen.

Immer wieder sucht Stingels Kunst die Interaktion mit dem Publikum. So gibt es in der Ausstellung zum Beispiel einen zwölf Meter breiten Fries aus vernickeltem Kupfer, der voller Gekritzel, Buchstaben und Worte ist. Die Vorstufe zu diesem Werk war eine Serie von aus Styropor gefertigten silbernen Dämmplatten, die von den Besuchern einer Ausstellung nach Lust und Laune bearbeitet werden konnten. In einem zweiten Schritt liess der Künstler das einer Vielzahl von Zufällen zu verdankende Werk in Kupfer giessen, sodass das ehemalige Work in progress heute wie eine tonnenschwere, in Kupfer gegossene Gesetzestafel aussieht.

Fussspuren auf dem Bild

Das Besondere an Stingels Werken ist nicht nur das dialogische Moment, sondern auch ihre Fähigkeit, unsere Neugier immer wieder auf ihre Machart zu lenken. Der Maler hat zum Beispiel schon früh ein Verfahren entwickelt, bei dem er Farbe auf die Leinwand aufspritzt, danach eine Schicht Tüll aufbringt, die er dann wieder mit Silberfarbe besprüht. Da der Tüll oder wenigstens Teile davon wieder abgelöst werden, ergibt sich eine vielschichtige, fast schon skulpturale Bildoberfläche. Oft legt er seine Gemälde bei der Arbeit auf den Boden, sodass neben der Malerei auch Fussspuren auf dem Bild zurückbleiben.

Immer wieder basieren die Bilder auf Stoffmustern, Teppichen und bunten Tapeten, die der Künstler verfremdet und denen er in seinem Malprozess seine Handschrift aufzwingt. Stingel schafft mit seinen Bildern berückend schöne Mischwesen zwischen Ornament und Abstraktion, zwischen Abbild und Traumbild. Und selbst dann, wenn er, wie in seinem 2018 entstandenen Gemälde «Untitled», eine geblümte Tapete aus dem Biedermeier in Form eines Triptychons nachmalt, entsteht eine zauberhaft unwirkliche Blumenwelt in einem Dazwischen, das mindestens in der Ausstellung nicht recht greifbar wird. Denn egal, wo man sich vor dem Bild positioniert, man kann es mit den Augen einfach nicht scharf stellen.

Die Ausstellung in der Fondation Beyeler dauert bis zum 6. Oktober 2019.

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