Was vom Gepard übrig blieb

Der Künstler Claude Gigon präsentiert im Kunstraum Gepard14 seine persönliche Auseinandersetzung mit einem Ort, an dem einst tatsächlich Wildkatzen wohnten. Mitten in Köniz.

Zwei Monate lebte Künstler Claude Gigon im Kulturraum Gepard14 und zeichnete, bis der Boden mit Kohlestaub bedeckt war.

Zwei Monate lebte Künstler Claude Gigon im Kulturraum Gepard14 und zeichnete, bis der Boden mit Kohlestaub bedeckt war.

(Bild: Raphael Moser)

Helen Lagger@FuxHelen

Ein Schweinskopf, ein Zaun und ein grosses Blatt mit viel Schwärze und einer weissen Stelle – diese drei Kohlezeichnungen bilden den Auftakt zur Ausstellung «Animal» von Claude Gigon im Kunstraum Gepard14. Es geht um das Gefühl des Eingeschlossenseins im eigentlichen wie im übertragenen Sinn. Während zweier Monate hat der 1960 in Pruntrut geborene Künstler im Ausstellungsraum gelebt und gearbeitet. Eine Matratze am Boden diente ihm als Schlafstätte.

2008 eröffnete der Solothurner Marco Giacomoni den Kunstraum Gepard14 mitten in Köniz. Das Konzept des Künstlers und Kurators besteht darin, den Kunstschaffenden einen Atelierplatz zu offerieren und dann das vor Ort Geschaffene zu zeigen. Gigon hat sich von der namensgebenden Geschichte des Hauses inspirieren lassen. Der einstige Mieter des heutigen Offspace hielt sich Geparden. Davon zeugen im Garten noch ein eisernes Tor, eine Holzhütte, die den Tieren als Unterschlupf diente, und Reste des Zaunes, der den Garten umgab.

Rund 60 Kohlezeichnungen hat Gigon hier geschaffen und diese in elf Themenkreise gegliedert. Mit «Animal» ist auch «Anima» – die Seele – gemeint. Der Gepard, das einst eingesperrte Tier, das sind auch wir mit unseren von aussen oder selbst auferlegten Zwängen. «Das Arbeiten vor Ort hat mir ermöglicht, aus meiner Komfortzone herauszutreten», verrät der 59-jährige Gigon, der in Delsberg lebt und arbeitet. Sein Vater sei ein Pro-Jurassier gewesen, er selbst bei der Befreiung des Kantons – die sich heuer zum 40. Mal jährt – noch sehr jung. «Ich orientierte mich stets stark nach Frankreich», sagt er. Doch eigentlich wolle er nicht über Politik sprechen. «Ich bin Künstler.»

Schach und Schokolade

Gigon, der mehrheitlich bei seiner Mutter aufwuchs, erinnert sich daran, wie er seit seiner frühen Kindheit gerne gekocht hat. Deshalb entschied er sich für eine Lehre als Konditor, bevor er zur Kunst gefunden hat. Zahlreiche Reisen, die er mit dem Rucksack unternahm, führten ihn unter anderem nach San Francisco, wo er in den 80er- und 90er-Jahren für verschiedene Patisserien arbeitete und Proto­typen aus Schokolade für die Industrie schuf.

Am Academy of Art College besuchte er Kurse in bildender Kunst. Was er als Konditor bestens kannte, nutze er schliesslich auch in seiner Kunst als Werkstoff. Gigon schuf Arbeiten aus Schokolade, die er in Performances einsetzte. So stellte er 2014 während einer Aktion in Moutier den Besucherinnen und Besuchern verschiedene aus Schokolade gefertigte Schachspiele zur Verfügung. Immer wenn ein Spieler eine Figur erobern konnte, musste er diese verspeisen. Ein tatsächlicher Sieg? «Zu viel des Guten kann bekanntlich krank machen», kommentiert Gigon diese sarkastische Arbeit. Schach sei ein Sinnbild für das Leben. Es gebe unendlich viele Spielmöglichkeiten, um zu gewinnen.

Die «Conditio humana» – die Umstände des Menschseins – ist das Thema in fast allen Arbeiten von Gigon. Für die Videoperformance «Le Moulin de la mort» (2007) beispielsweise schwamm der Künstler wortwörtlich gegen den Strom. Und zwar im französisch-schweizerischen Fluss, dem Doubs, wo er, einem modernen Sisyphos gleich, nicht von der Stelle kam, während ihm als Soundkulisse die Windturbinen über den Jurahöhen dienten. «Die Freiheit, die gibt es nicht», sagt er trocken.

Hell und dunkel

Gänzlich freie Hand hat Gigon im Atelier des Gepard14 gehabt. Der ganze Boden sei mit Kohlestaub bedeckt gewesen, verrät er. Die weissen Stellen auf den Bildern sind Auslassungen. Die von starken Hell-dunkel-Kontrasten geprägten Zeichnungen erinnern an Röntgenbilder, insbesondere dann, wenn menschliche Knochenstrukturen die Komposition bestimmen. Doch die anatomische Richtigkeit interessiert Gigon nicht. «Ich mache keine realistischen Darstellungen.» Vielmehr seien seine Zeichnungen poetische Impressionen, die immer höchst subjektiv seien.

Beim Schwein im Eingangsbereich verweist er auf die Zaunabdrücke auf dem Kopf des listig und zutiefst menschlich dreinblickenden Tieres. Ein Kommentar dazu, wie wir Tiere halten? «Ich gebe keine moralischen Lektionen», winkt Gigon ab. Auch ein Bär fristet auf einer der Zeichnungen ein beklemmendes Dasein. Eine schwere Kette liegt um seinen Hals. In einem weiteren Themenkreis sind es Hüllen, die stellvertretend für den Menschen stehen. Eine düstere Mönchskutte, aus deren Öffnungen tierische Krallen herausragen, gibt es etwa zu entdecken. Die Betrachtenden selbst spiegeln sich in Figuren, die sich verschämt die Hände vors Gesicht schlagen. Oder lachen sie vielleicht über das Gesehene?

«Ich gebe keine moralischen Lektionen.»Claude Gigon Künstler

Es ist genau diese Ambivalenz, die den Bildkosmos von Gigon durchzieht und faszinierend macht. Einen Gepard hat er übrigens nicht gezeichnet. Dafür eine aus einer schwarzen Fläche bestehende Landschaft, die für das Territorium des Wildtieres steht. Die weisse Fläche darin kann als Schlupfloch gelesen werden, der Zaun als das, was von dem Tier übrig blieb.

Eröffnung: am Freitag, 28.6., ab 18 Uhr. Geöffnet am: Sa, 29.6., und Sonntag, 30.6., 15–18 Uhr. Gepard14, Schützenstrasse 14, 3097 Liebefeld. Die Publikation «Animal» von Claude Gigon erscheint mit einem Text von Antoine Rubin in der Edition Haus am Gern, Biel. Rubin liest an der Eröffnung der Ausstellung aus seinen Texten.

Berner Zeitung

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