«Fuck you! Echt jetzt: Fuck you!»

Billy Corgan traf mit seiner Band Smashing Pumpkins den Geschmack der Massen. Heute nervt er sich über Leute, die nur noch auf ihre Smartphones starren.

«Mit lautem Rock'n'Roll hole ich die Leute nicht aus ihrer virtuellen Zaubershow»: Billy Corgan. Foto: Patrick Fraser (Dukas, Corbis)

«Mit lautem Rock'n'Roll hole ich die Leute nicht aus ihrer virtuellen Zaubershow»: Billy Corgan. Foto: Patrick Fraser (Dukas, Corbis)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Damals in den Neunzigern waren Sie ein bleicher Typ mit Make-up, irrem Blick und seltsamen Outfits, und die Smashing Pumpkins hatten ihre erfolgreichste Zeit. Wieso?
Schwer zu sagen. Ich glaube, dass viele unserer Hörer aus schwierigen Familienverhältnissen stammten. Dass sie die Kehrseite des amerikanischen Traums mitbekommen hatten. Viele Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, stammten aus kaputten Familien oder wurden misshandelt – nicht nur ich.

Sie gaben ihnen eine Stimme?
 Ja. Viele Bands aus dieser Zeit haben Themen angesprochen, die lange tabu waren. Vielleicht hatte das mit der Revolution der Talkshows zu tun. Als ich aufwuchs, wurde im Fernsehen immer öfter über Misshandlung gesprochen. Ganz Amerika sprach darüber, was bei den Leuten zu Hause passiert.

War diese Enttabuisierung das Erfolgsgeheimnis der Band?
Ich glaube, dass viele Leute genauso verwirrt waren wie wir und sich darin ­wiedergefunden haben. Und dass eine ­spezielle Energie in der Luft lag. Grunge war zwar kommerziell erfolgreich, aber überhaupt nicht kommerziell.

Waren Sie bewusst Teil dieser musikalischen Bewegung?
Nein, das war einfach der Zeitgeist. Und wir waren in unseren Zwanzigern und definierten uns über Musik.

Ihre Kindheit und Jugend war nicht spassig, und Sie sind nicht bekannt als besonders entspannt. Trotzdem gelingen Ihnen immer wieder Songs von kantiger Schönheit. Wie?
Das ist einfach: Weil sich diese Pole bedingen. Man lässt sich ja von seinen Gefühlen leiten. Und entscheidet sich dann für Symbole, die für einen eine Kraft beinhalten. Picasso soll die Madonna 42-mal gemalt haben. 42-mal ist er zum Bildnis der Mutter zurückgekehrt. Wenn das kein Zeichen ist! Man kehrt als Künstler immer wieder zu den offenen Fragen seines Lebens zurück.

Ihre Musik ist heute weniger widerborstig als früher. Ihr neues Album wirkt geradezu zutraulich.
Ich bin nicht ganz Ihrer Meinung. Der Sound ist auch der Zeit geschuldet. Die Neunziger waren eine Zeit grosser emotionaler Aggression. Die Gitarre war eine Waffe. Wenn ich heute solche Musik machen würde, hiesse es, ich lebte in der Vergangenheit. Die Aggression hat ein anderes Gesicht angenommen.

Ein Stück vom neuen Album: «Drum + Fife» von den Smashing Pumpkins (nur Audio). (Quelle: Youtube)

Reflektieren Sie heute auch den Zeitgeist wie mit der Grunge-Musik – oder sind Sie einfach älter und zahmer geworden?
Sehr witzig. Fuck you! Echt jetzt: Fuck you! Was ist denn heute das Klima?! Ein Haufen hypnotisierter Kids vor ihren Smartphones und Computern.

So kommt es einem vor, ja.
Und welchen Sound würden Sie machen, wenn Sie von solchen Leuten umgeben sind?

Wahrscheinlich laute Rockmusik.
Glauben Sie mir: Ich bin ohne weiteres in der Lage, lauten, erbarmungslosen Rock'n'Roll zu spielen. Aber damit hole ich die Leute nicht aus ihrer virtuellen Zaubershow. Sie erwachen, wenn sie etwas hören, das für sie ein Mysterium ist.

Sie wollen sich einschleichen?
Ich mache nicht Kunst für mich selbst. Dann müsste ich sie ja nicht veröffentlichen. Ich mache Kunst für Leute wie Sie, die aus irgendeinem Grund nicht hin­hören. Die will ich erreichen, denen will ich meine Message mitgeben. Und trotzdem mache ich keine Modeschau, keine Freakshow, keinen Porno.

Sie kreierten mit den Smashing Pumpkins ein Monster. Würden Sie gewisse Sachen aus jener Zeit gerne rückgängig machen?
Fuck, wieso sollte ich? Das Monster hat damals richtig auf den Putz gehauen. Deshalb ist es auch 20 Jahre später immer noch ein Thema.

Welche Band wirft derzeit interessante Fragen auf?
Ich glaube, man müsste sagen: U2.

Haben Sie das Gratisalbum gelöscht?
Ich habe kein iTunes, daher gab es nichts zu löschen. Ich werde es mir aber sicher noch anhören. Die ganze Diskussion über die Gratiskultur verfolge ich mit einigem Amüsement. Die Smashing Pumpkins veröffentlichten bereits 2000 ein Gratisalbum. Wir waren die Ersten. 14 Jahre später stecken wir immer noch in der gleichen Debatte.

Haben Sie eine Lösung gefunden?
Nein. Für die Musikindustrie gilt ja nach wie vor: Hier ist ein Stück Plastik, zahl dafür. Hier ein digitales File, zahl dafür. Da hat sich nicht viel geändert seit 2000. Es gibt keine akzeptable Alternative.

Die Smashing Pumpkins früher: «Tonight, Tonight» aus dem Jahr 1995. (Quelle: Youtube)

Würden Sie wieder ein Gratisalbum veröffentlichen?
Nein. Es war reine Zeitverschwendung.

Also hatten Radiohead nur Glück?
Das ist eine doofe Frage. Das Publikum trifft die Entscheidung, ob es etwas haben möchte oder nicht. Ich habe Alben verkauft, und ich habe Alben verschenkt. Beides hat seine guten und seine schlechten Seiten. Es gibt keinen richtigen Weg. Wichtig ist nur zu wissen: Gute Musik setzt sich immer durch.

Sind die Probleme der Musikindustrie eine spannende Challenge?
Nein, die grösste Herausforderung ist nach wie vor, Musik zu machen, welche die Leute von alleine überzeugt. Dann erübrigen sich alle weiteren Fragen. Wenn sie deine Musik nicht mögen, musst du auf den Knien rumrutschen und betteln. Das werde ich nie tun.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.12.2014, 17:46 Uhr

Das neue Album

Stringent, aber etwas zahnlos

Es ist ganz gut geraten, das zehnte Album, eingänglich wie kaum ein Smashing-Pumpkins-Album zuvor. Aber keines, das an die grossen Erfolge der Neunziger anknüpfen wird und die alte Intensität erreicht. Billy Corgan, 1967 in Chicago geboren, führt seine Söldnertruppe, zu der nur noch Gitarrist Jeff Schroeder als festes Mitglied zählt, durch eine stringente Zusammenstellung von neun Songs, denen etwas die Originalität abgeht. Die Bissigkeit und Unberechenbarkeit, dieses wahnsinnige Brodeln, das der Songwriter im Gespräch zeigt, fehlen weitgehend. (ads)

Smashing Pumpkins «Monuments To An Elegy» (BMG/TBA)

Artikel zum Thema

Die meistgehasste Band der Welt

Ab morgen kann man das neue Album von U2 kaufen, wenn man es nicht schon als «Geschenk» auf dem iPhone hat. Der Deal der Iren mit Apple hat einmal mehr gezeigt: Sie sind die meistgehasste Band der Welt. Zu Recht? Mehr...

Der letzte grosse Rockstar

Hintergrund Vor zwanzig Jahren schoss sich Kurt Cobain, Sänger und Gitarrist der Grunge-Band Nirvana, in einem Gewächshaus auf seinem Grundstück in den Kopf. Mehr...

Strom statt Stream

Thom Yorke, der Sänger von Radiohead, hat am Samstag ein neues Soloalbum veröffentlicht – über den Downloadservice BitTorrent. Mehr...

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...