The National spielen sich frei

In der Zürcher Samsung Hall trat die Band am Dienstag als zehnköpfiges Kollektiv auf. Funktioniert das? Und wie!

Er trinkt auf der Bühne nicht mehr so viel wie früher: The-National-Sänger Matt Berninger auf der aktuellen Tour. Foto: Getty Images

Er trinkt auf der Bühne nicht mehr so viel wie früher: The-National-Sänger Matt Berninger auf der aktuellen Tour. Foto: Getty Images

Wie wird man als erfolgreiche Band alt? Diese Frage stellt sich auch für The National, die US-Band mit dem Sänger Matt Berninger und den beiden Brüderpaaren Devendorf und Dessner. Als blosse Ansammlung von älter werdenden weissen Männern wollen die fünf Amerikaner jedenfalls nicht mehr durchgehen: Für ihr neuestes Album «I Am Easy to Find» holten sie sich eine Vielzahl an Sängerinnen ins Studio, die den schwer melancholischen Songs eine neue Mehrdeutigkeit verleihen.

Da passt es auch, dass The National auf der aktuellen Tour nicht mehr bloss zu fünft, sondern gleich zu zehnt auf der Bühne stehen. Die Rockband von einst ist längst zum Ensemble geworden – verstärkt mit Bläsern, einem zweiten Schlagzeuger sowie den beiden Sängerinnen Hannah Georgas und Kate Stables.

So kann man älter werden: The National gönnen sich zur Albumveröffentlichung einen Kurzfilm von Mike Mills. Video: The National (Youtube)

Dieser Rahmen bietet in der Samsung Hall dem ehemals schwer trinkenden Matt Berninger genügend Raum, auch einmal zu pausieren. Er kann sich dann in den Chor einreihen, sich als Background-Sänger maskieren. Oder er kann die Tribünenwände der Halle ansingen, wo er eigentlich Leute vermutet und doch nur farbige Flächen entdecken kann.

Und trotzdem ist Matt Berninger selbst in dieser Kollektivstruktur jene faszinierende Gestalt, die man auf den Rockbühnen nur mehr selten antrifft. Die Präsenz wirkt auch dann, wenn seine Baritonstimme allzu brüchig anmutet. Dann, wenn die Band auch ohne ihn die luxuriös instrumentierten Melancholie-Songs weiterspielt und man dennoch zu Berninger blickt. Auch dann noch, wenn man zu versinken droht im Wohlklang-Soundtrack – und kaum mehr die Kraft hat, sich noch einmal ein Glas Rotwein einzuschenken.

Das traditionelle Konzert-Ende: The National singen «Vanderlyle Crybaby Geeks». Video: Youtube

Es droht Routine, aber The National spielen sich von dieser immer wieder frei. Etwa dann, wenn sie auf einen Zuruf von einem gewissen Mike den Song «Sorrow» spielen. Dann, wenn Matt Berninger dem Songwriter der Band zuruft, dass nun ein guter Song komme. Dann, wenn er durchs Publikum rennt und den filmenden Fans die Handys aus den Händen nimmt. Dann, wenn gegen Schluss die gebrochenen Hymnen der Band – die nun beinahe wieder zur Kernformation geschrumpft ist – anstehen, etwa «Fake Empire». Und «Mr. November», die Berninger den Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und Elizabeth Warren widmet.

Und warum sich im Ensemble verstecken, wenn man einfach unverstärkt singen kann, gemeinsam mit den textfesten Fans? Das erklärt Berninger den Geeks im letzten Song «Vanderlyle Crybaby Geeks». Auch wenn dieser Konzertschluss längst zur Bandroutine dazugehört: Es bleiben auch in immer grösser werdenden Hallen, die The National bespielen, sehr intime Momente.

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