Ach, Bonnie

Soundcheck

Bonnie Tyler gab am Seaside Festival in Spiez ein herzzerreissendes Konzert – enttäuschte Hoffnungen und Versöhnung inklusive.

Seit 50 Jahren auf der Bühne: Die Waliserin Bonnie Tyler.

Seit 50 Jahren auf der Bühne: Die Waliserin Bonnie Tyler.

(Bild: mbu)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Kitschiger geht es kaum – und das ist gut so. Die untergehende Sonne taucht die Reben am Hang in goldenes Licht. Über der Spiezer Bucht dunkelt es nach und nach ein. Alles ist ein bisschen rosa. Und da steht sie jetzt auf der Bühne, leibhaftig, in Hosen und mit der üblichen blonden Mähne, 68 Jahre alt und sagt: «Fünfzig Jahre bin ich jetzt im Geschäft! Danke, Gott, für Botox» und lacht raspelnd.

Bonnie Tylers Schmirgelpapier-Stimme ist ein Echo aus einer vordigitalen Welt, in der die wahren Gefühle noch durch das Autoradio strömten, als man noch in Telefonkabinen weinte und an Nachmittagen ins Kino ging. Und Bonnie Tyler ist vor allem eines: Erinnerung an unbeschwertere Jahre.

Ihre Lieder lösen noch jene Gefühle aus, die Männer sich eigentlich nie eingestehen, ein bisschen Gänsehaut, ein bisschen Rührung und Herzschmerz.Mach uns ein bisschen müde, Bonnie, mach uns einsam, mach uns ein bisschen nervös, unruhig, hilflos, mach uns wütend, wir brauchen dich heute, Bonnie. Lass uns von etwas Wildem träumen.

Gaynor Hopkins heisst Tyler eigentlich, und ihre Geschichte, wie aus der Kassenfrau in einem kleinen Ort in Wales eine der erfolgreichsten Sängerinnen überhaupt wurde, ist millionenfach erzählt. Wie sie an einem Talentabend nur Zweite geworden ist, dann aber trotzdem Teil einer Band werden konnte und entdeckt wurde.

Wie sie mit «Lost in France» ihren ersten Hit landete. Bekannt ist auch die Anekdote, wie sie zu ihrer unverkennbaren Stimme gekommen ist. Mit 20 musste sie sich einer Operation an den Stimmbändern unterziehen und hätte sechs Wochen lang nicht sprechen sollen. Nur hat sie schon nach wenigen Tagen das aufgezwungene Schweigen gebrochen und sich ihre Stimmbänder für immer ruiniert.

Es scheint die Waliserin auch nicht zu stören, dass die Leute heute vor allem nach ihren Hits schreien. Deshalb schämt man sich jetzt auch kein bisschen, dass man eigentlich auch nur wegen dieser Songs in die Spiezer Bucht gekommen ist. Vor allem wegen eines ganz bestimmten. Und sie liefert.

Schon das dritte Lied ist «It’s a Heartache», und tatsächlich schmerzt das Herz ein bisschen, aber es ist ein gutartiger Schmerz, jener in Wattebäuschchen. Dann folgen ein paar eher fade Stücke von ihrem 17. Album. Und schon nach einer halben Stunde passiert es: die totale Finsternis des Herzens.

Das ersehnte «Total Eclipse of the Heart» geht unter. Etwas stimmt nicht. Die Stimme nicht, der Rhythmus nicht, ach, es fehlt die Zärtlichkeit. Und plötzlich wird einem klar: Das echte, grosse Gefühl gibt es nur noch in der Vergangenheit – es ist nur noch eigene Erinnerung. Das Publikum derweil gibt sich weder empört noch beeindruckt, sondern singt munter mit und plaudert laut in den Pausen.

Nach 40 Minuten verschwindet sie kurz hinter die Bühne und kommt wie verwandelt zurück. Jetzt stimmt alles, und «Turtle Blues» von Janis Joplin ist gleich grossartig. Die Stimme wie bestes Schmirgelpapier ist jetzt gut in die Musik eingebettet. Der Blues tief und fordernd, der Song versöhnt und heilt.

Und es wird noch besser. Es folgt mit «Slow Walk» noch ein Blues. Und als wären nicht schon alle selig, kommt jetzt «Simply the Best», jener Song, den sie einst noch vor Tina Turner gesungen hat, der aber nie einschlug. Und zum Schluss, natürlich, ein fast perfektes «Holding Out for a Hero», und für diese Minuten darf man(n) sich heldenhaften Gefühlen hingeben – wie früher.

Bonnie Tyler: «Between the Earth and the Stars», Earmusic, 2019.

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