Agglo-Synthie-Indianerpop

Soundcheck

Die Berner Eskimo konnten als Vorband von Kosheen im Berner Bierhübeli spielen. Wer zur Hölle sind Eskimo?

Backstage: Ricky Casablanca und Takeshi Röthlisberger (v.l.). Foto: mbu

Backstage: Ricky Casablanca und Takeshi Röthlisberger (v.l.). Foto: mbu

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Eine schrille Mexiko-Trompete hallt durch den Raum. Und schon folgt ein schleppender Synthie-Beat. Der Sänger im Hawaiihemd schüttelt ein Tamburin und tritt ans Mikrofon. Die sechs Musiker um ihn herum, ebenfalls in bunten Hemden gekleidet, gebärden sich wie eine sehr gute Schülerband: musikalisch top, im Auftreten ein bisschen verhalten.

Anders der Sänger. Wie er nun in breitem Berndeutsch über Schweizer Alltagswirklichkeiten singt, das hat etwas Unverfrorenes. Stets kräuselt Schalk um seine Mundwinkel. Dieser Mann steht offensichtlich nicht das erste Mal auf einer Bühne. Diese New-Wave-Nonchalance will geübt sein. Sowieso ist das alles ein bisschen undurchsichtig. Eskimo heisst die Gruppe, die nun als Vorband der legendären Kosheen das Publikum im Berner Bierhübeli aufheizen darf – eine ganze Stunde lang.

Eskimo? Mehr als drei Songs finden sich im Netz nicht von dieser Band. Die Website mit dem kitschigen Sonnenuntergangsmotiv im Hintergrund verrät auch nicht mehr. Nur so viel: Takeshi Röthlisberger soll der Sänger heissen. Der Gitarrist Ricky Casablanca. Ihren Stil bezeichnen sie als Agglo-Synthie-Indianerpop.


Quelle: Youtube/ESKIMO

Vor der Bühne wippen jetzt die zwei, drei Dutzend Leute zu einem Reggae-Beat und lauschen dem Song «Wolf», der von einem männlichen Rotkäppchen handelt, das einer kaltherzigen Wölfin auflauert. Schon geht es weiter mit dem Folkpopstück «Aues Anders», das von einem Typen erzählt, der gerne sein Leben ein bisschen pimpen möchte, aber es nicht hinkriegt.

Was Eskimo spielt, sind höchst (selbst)ironische Büetzer-Songs – in denen es nicht um «Staub auf der Lunge» geht, sondern um Büroalltag, um Ambitionen und Faulheit, um Mittelmässigkeit: kluger Wohlstandsblues im grellen Popgewand. Ab und zu sitzen die Übergänge zwar nicht so richtig, dafür werden die Lieder noch besser. «Töffli» ist eine Euro-Disco-Nummer und erzählt von amourösen Annäherungen in der Dorfdisco. Mundartpopmusik, wie sie sein soll. Eine Stunde ist schnell um. Die Kosheen-Fans warten. Eine Zugabe liegt nicht drin – leider. Und schon sind sie weg.


Wer zur Hölle waren jetzt diese Eskimo? Zum Glück war noch ein kurzes Treffen im Backstage ausgemacht. So aus der Nähe kommt einem der Sänger bekannt vor. Aber erst als er erzählt, dass er und sein Gitarrist schon sehr lange gemeinsam Musik machten und nur so beiläufig den Bandnamen Pablopolar erwähnt, fällt auch der Groschen: Hinter dem Namen Takeshi Röthlisberger verbirgt sich Manuel Kollbrunner, hinter Ricky Casablanca Simon Vogt. Pablopolar wurde einst als Schweizer Coldplay gehandelt und war gar bei Sony unter Vertrag.

Seit der letzten Tour zum Album «Colorize» (2015) ist die Band aber auf Stumm geschaltet. Manuel Kollbrunner hat sich derweil einen lang gehegten Wunsch erfüllt und gemeinsam mit Simon Vogt eine Mundart-Band gegründet. «Hans» heisst das erste Album und kommt am 15. November in die Läden. Im Bierhübeli war Feuerprobe.

Eskimo: «Hans» (Musikvertrieb), Plattentaufe: 23.12., City Pub, Bern

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