Bis zum Verschwinden

Er öffnete die Popstrukturen: Der frühere Talk-Talk-Sänger Mark Hollis ist gestorben.

1998 erschien sein letztes Album: Mark Hollis. Foto: Martyn Goodacre/Getty Images

1998 erschien sein letztes Album: Mark Hollis. Foto: Martyn Goodacre/Getty Images

Die Stille war sein Raum, in dem er verschwinden konnte. Und wenn man sich die Zeit genommen hat, ihm in diesen stillen und verwinkelten Raum zu folgen, den seine Band für ihn erbaut hat, dann konnte man Mark Hollis auffinden. Man traf in seinem Versteck auf einen Mann mit einer wispernden Stimme, die mit ihrer Zerbrechlichkeit erschütterte, zum Innehalten und zum Schweigen zwang. Ehe Hollis und seine Stimme wieder verschwanden, und sich weiter zurückzogen, in immer neue unergründliche Räume.

Diese Räume der Stille sind auf den letzten beiden Alben zu hören, die Mark Hollis – geboren 1955 in London – mit seiner Band Talk Talk erschaffen hat. «Spirit of Eden» (1988) und «Laughing Stock» (1991) heissen sie, und wenn sie überhaupt etwas Handfestes erzählen, dann erzählen sie von einem, der nichts mehr mit der Welt des konkreten Pop zu tun haben will. In jener Popwelt waren Talk Talk ja erfolgreich, in den frühen Achtzigern, als die Band mit ihren Hits «It’s My Life» und «Such a Shame» zu neuen Aushängeschildern der New-Romantic-Welle stilisiert wurde.

Bereits da prägte die Melancholie, die Hollis’ Stimme stehts umweht, den Synth-Pop von Talk Talk, aber dass hier einer zu hören ist, der für die Popmusik so viel öffnen würde – für jene Strömung, die man Post-Rock nennt, für Karrieren wie jener von Radiohead – konnte damals nicht erahnt werden.

Ein Konzert, bevor sie das Touren aufgaben: Talk Talk 1986 in Montreux.

Die Öffnung hin zur Avantgarde, zum Jazz, zu Komponisten wie Debussy oder Erik Satie, die er den Rockjournalisten in Interviews entgegenwarf, und die Verabschiedung des klassischen Popsongformats, die sich bereits auf dem Übergangsalbum «The Colour of Spring» (1986) abgezeichnet hat, ging nicht ohne Verluste: Der Kampf mit der Plattenfirma, die den kommerziellen Flop «Spirit of Eden» nicht verstanden hat, war allzu aufreibend. Denn Mark Hollis war einer, der das Spiel mit der Musikindustrie nicht mehr mitspielen wollte. Talk Talk lösten sich kurz nach der Veröffentlichung von «Laughing Stock» auf.

Eine Offenbarung: «I Believe in You» vom Album «Spirit of Eden».

Immer wieder wurde gehofft, dass Mark Hollis wieder auftauchen würde aus seinem tiefen Raum der Stille, in den er sich 1998 nach der Veröffentlichung seines Solodebüts komplett zurückgezogen hat. Doch es kam keine Musik mehr, man hörte bloss, dass er mit seiner Familie in London ein normales Leben führe. Bis an diesem Montagabend die Nachricht von seinem Tod kursierte. Mark Hollis wurde 64 Jahre alt. Der Rest ist Stille.

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