Das Spiel mit der Härte

Über 100 Protagonisten des Deutschrap erzählen im Buch «Könnt ihr uns hören?» die Geschichte des Genres.

Steht für das Krasse, für die Strasse: Kool Savas 2018 in Berlin. Foto: Frank Hoensch

Steht für das Krasse, für die Strasse: Kool Savas 2018 in Berlin. Foto: Frank Hoensch

Sie haben nur das Internet, aber sie nutzen es, und wie: Fast im Wochentakt tauchen an den Spitzen der Schweizer Hitparade immer neue deutschsprachige Rapper auf, die ihre Karrieren dank Social Media und den Streamingdiensten katalysieren. Und weil sie nicht auf die Radio- und Fernsehstationen angewiesen sind, können sie Tabus brechen, die Grenzen des Sagbaren ausloten – und sie zuweilen auch überschreiten.

Dank diesem Programm konnte Deutschrap auch in der Schweiz zur erfolgreichsten Popmusik werden: Das neue Album von Kool Savas – einem der Urväter des deutschen Strassenrap, wie er heute geliebt und gelebt wird – schlug locker einen Star wie Ariana Grande, die in den USA alle Rekorde bricht.

Sexismus als Kavaliers­delikt

Und auch wenn deutschsprachiger Hip-Hop längst den Mainstream bestimmt, so trifft noch immer in starkem Masse zu, was die Rapperin Nura im eben erschienenen Buch «Könnt ihr uns hören?» auf den Punkt bringt: «Die Gesellschaft hat immer noch Schiss vor Rappern. Aber die Kinder von diesen Leuten, die Schiss haben, feiern uns.»

Das Unbehagen gegenüber der Popkultur namens Deutschrap: Es hat Platz in der üppigen und vielstimmigen Oral History, die die beiden Autoren Davide Bortot und Jan Wehn aus Interviews mit 120 Protagonisten der deutschen Hip-Hop-Kultur zusammenmontiert haben. Auch weil Deutschrap für die beiden das bedeutet, was man «wohl eine Hassliebe nennt», wie sie im Vorwort des Buches schreiben.

Zu stark sei – bei aller Liebe zur Hip-Hop-Kultur – der Sexismus, der in allzu vielen Rapkreisen noch immer als Kavaliers­delikt abgetan wird. Zu gross auch der Rassismus, den beispielsweise ein schwarzer Rapper wie Afrob im Buch adressiert, wenn er sagt, dass er sich «ab einem gewissen Punkt» nicht mehr wohlgefühlt habe in der Szene – «weil sie teilweise krass faschistoid und rassistisch war».

Die klassische Geschichte einer Subkultur, die zur alles dominierenden Popkultur wurde.

Und dann steht auch die Antisemitismusdebatte weiter im Raum, die im vergangenen Jahr mit der Echo-Auszeichnung für Kollegah und Farid Bang die Oberfläche erreicht hat. Es ist eine Diskussion, die sich einige der Interviewten offener gewünscht hätten: «Diese Wagenburg-Mentalität, mit der reflexhaft Hip-Hop verteidigt wird, macht mich richtig sauer», sagt etwa Marc Leopoldseder, der früher Journalist war und heute für einen Musikvertrieb arbeitet. Und spätestens an dieser Stelle wird offenbar: Eine Community, die sich einig ist, bilden die deutschen Rapper schon lange nicht mehr. Falls sie sich denn je einig war.

Die zersplitterte Geschichte des Deutschrap lässt sich also gar nicht als reine und lineare Erfolgsgeschichte erzählen, auch wenn sie durchzogen ist von Selbstermächtigungen, von neuen migrantischen Stimmen, von Aneignungen und ständigen Neudefinitionen der deutschen Sprache im Modus des Rap.

Aber man kann sie doch als beinahe klassische Geschichte einer einstigen Subkultur lesen, die rudimentär und selbstorganisiert begonnen hat, bis sie zur alles dominierenden Popkultur wurde. Sie erinnert dabei an die Geschichte des Rock ’n’ Roll und an das Schockpotenzial, mit dem einst die Punks ihre Elterngeneration provozierten. Grenzen verschieben und die Altvorderen abschrecken gehört nun mal zum Wesen einer Jugendkultur.

Verrat gewittert

Dabei beginnt «Könnt ihr uns hören?» recht beschaulich, wenn von den Pionieren zu lesen ist, die in Provinzstädten wie Heidelberg genau dem folgten, was die Hip-Hop-Götter in New York predigten. Formationen wie die Fantastischen Vier bildeten sich derweil in Stuttgart, die mit ihrem spielerischen Ansatz jene Vorväter provozierten, die die reine Lehre propagierten. Es wurde Verrat gewittert, dass sich vier Mittelstands-Schwaben auf Kosten der wahren Hip-Hop-Kultur lächerlich machten, weil Tracks wie «Die da!?!» – dem ersten Deutschrap-Hit überhaupt – alle Ernsthaftigkeit abgeht. Und sowieso: Erfolg und Hip-Hop, das ging doch gar nicht zusammen.

Der Deutschrap hat sich in jenen 90er-Jahren nach und nach professionalisiert und ausdifferenziert – mit der erfolgreichen Proto-Gangsta-Variante und der «hart asozialen» Sprache aus dem Frankfurter Stadtteil Rödelheim, wo Moses Pelham oder Sabrina Setlur wirkten. Oder mit den viel lustigeren Combos wie Fettes Brot und den Beginnern aus Hamburg. Musikfernsehsender wie Viva trugen den Deutschrap in die Wohnzimmer, die grossen Labels nahmen massenweise Rapper unter Vertrag.

Zur Jahrtausendwende brachen die Jahre der harten Ästhetik an, die vom Label Aggro Berlin geprägt wurde. Zu jener Zeit habe sich das Genre «komplett aufgespalten», erinnert sich Max Herre, der mit seiner Band Freundeskreis für die weltverbindende Komponente des Deutschrap steht. Herre fügt an: «Wir wollten damals nicht das Brett neu erfinden, sondern unseren Nagel ins Brett der Musikgeschichte jagen. Die Generation danach wollte das Brett aus der Wand reissen!»

Die Generation, die das Brett dann wirklich aus der Wand riss, steht für das Krasse, für die Strasse, die heute noch immer nachwirkt: mit Rappern wie Kool Savas und den Berlinern Sido und Bushido. Als der Bogen der Provokation gegen Ende der Nullerjahre fürs Erste überspannt war, übernahmen familientaugliche Exponenten wie Marteria, Casper oder Cro und entwickelten Hip-Hop mit verschiedenen Popeinflüssen weiter.

Kreative Sackgasse

Jene Jahre gleichen der Ruhe vor dem Sturm, der heute mit der neuen Generation an Strassenrappern tobt. Jene, die nicht mehr benötigen als das Internet – und doch den Mainstream bestimmen: «Erfolgreiche Rapper brauchen keine Journalisten mehr. Die haben eigene Youtube-Kanäle mit mehr Abonnenten, als private Fernsehsender Zuschauer haben», sagt der Videoproduzent und Onlinekünstler, der sich Kurt Prödel nennt. Diese Losgelöstheit von «medialen Korrektiven» macht es möglich, dass «selbst die menschenverachtendsten Aussagen durchgewinkt werden», so Marc Leopoldseder.

So erfolgreich der Strassenrap der Gegenwart ist: Das Buch macht auch deutlich, dass die Geschichte des deutschen Rap von harten Brüchen und Generationenkonflikten bestimmt wird, von Gegenbewegungen, die gerade dann wieder offenbar werden, wenn die Musik in einer kreativen Sackgasse steckt.

Davide Bortot, Jan Wehn:Könnt ihr uns hören? Eine Oral History des deutschen Rap. Ullstein, Berlin 2019. 464 S., ca. 26 Fr.

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