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Der Abgekapselte

So verschlossen und doch frei wie auf dem neuen Album von Earl Sweatshirt klang Rap selten zuvor.

Wurde von Eminem diesen Sommer als «the hooded sweater» verlacht: Earl Sweatshirt. Foto: Jeremy Deputat
Wurde von Eminem diesen Sommer als «the hooded sweater» verlacht: Earl Sweatshirt. Foto: Jeremy Deputat

Er wollte die neuen Songs seinem Vater schicken. Um zu zeigen, was aus ihm geworden ist, um auszudrücken, wie er ihre komplizierte Beziehung betrachtet, die von Entfremdung und Abwesenheit bestimmt war. Und um zu sagen: Das habe ich trotz allem von dir, «pops», gelernt, und dir zu verdanken. Der Vater sollte die neuen Songs seines Sohnes nie zu hören bekommen: Im Januar starb der südafrikanische Dichter Keorapetse Kgositsile. Sein Sohn Thebe, der besser bekannt ist als Earl Sweatshirt, reiste nach Südafrika, um seinen Vater zu begraben.

Man weiss nicht nur in solchen Momenten, wieso Earl Sweatshirt einst als Wunderkind des Rap galt.

Von dieser versuchten Kontaktaufnahme, die auch eine Versöhnung zum Ziel hatte, zeugt Earl Sweatshirts drittes Album «Some Rap Songs», das er zu grossen Teilen vor dem Tod des Vaters aufgenommen hat. So nüchtern, beinahe lapidar dieser Titel auch wirkt, zeigt er doch auf, wie radikal verknappt der 24-jährige Rapper seine Musik denkt: Nur 25 Minuten dauern die 15 Stücke, denn Zeit für Bullshit hat er keine, und Zeit für den gesellschaftlichen Panoramablick hat er erst recht nicht. Das sagte er bereits auf dem fast ebenso kurzen Vor­gängeralbum «I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside», das just dann erschien, als Kendrick Lamars Grosswerk «To Pimp a Butterfly» alles Interesse auf sich zog. Aber man wusste damals ja auch, was draussen geschieht und warum einer wie Earl Sweatshirt lieber drinnen bleibt: Der schwarze Hoodie-Träger ist in den USA nicht selten Zielscheibe von rassistischer Gewalt.

Auch auf «Some Rap Songs» reichen ihm ein paar Zeilen, um zu umreissen, wie es draussen aussieht. Wie die Gegenwart auf einen wie ihn, der mit Depressionen kämpft, wirkt. Beispielsweise dann, wenn er sagt, dass er in den USA unter Trump feststecke, und zuschaue, wie das Subtile zerfällt («Stuck in Trump Land, watching subtlety decayin’»). Und man weiss nicht nur in solchen Momenten, wieso Earl Sweatshirt einst als Wunderkind des Rap galt, er, der lange Zeit auch ein Problemkind war.

Die neuen Problemkinder sind weit drastischer drauf

Thebe Neruda Kgositsile war Teil von Odd Future, jenem Kollektiv, das vor zehn Jahren mit unbändigen Mixtapes, Skater-Videos und einem exzessiven Gebrauch von homophoben Ausdrücken schockierte. So wie früher die Punks. Doch als Odd Future die Skandalspalten der Musikblogs und Boulevardpresse füllten – allen voran wegen der Ausfälligkeiten ihres Anführers Tyler, the Creator –, galt Earl Sweatshirt als vermisst. Fans, Freunde und Reporter zettelten auf Internetforen eine Schnitzeljagd an (worüber im «New Yorker» das grossartige Stück «Where’s Earl Sweatshirt?» erschienen ist), und man fand ihn schliesslich in einem Camp für Problembuben auf Samoa, wohin ihn seine Mutter für zwei Jahre verbannte. Das ist nun schon eine Zeitlang her, und die Problemkinder des Raps sind heute längst andere und wesentlich drastischer drauf. Es sind jokerhafte Gestalten wie der schwer kriminelle 6ix9ine, oder XXXTentacion, der im Sommer im Alter von 20 Jahren niedergeschossen wurde. Und weil selbst ältere Odd-Future-­Weggefährten wie Mac Miller, mit dem Earl Sweatshirt immer wieder zusammengearbeitet hat, an den Hustensirup-Drogen zugrunde gegangen sind, wirkt «Some Rap Songs» fast so, als sei dies hier ein Dokument eines Überlebenden. Und nicht so wie eine Platte eines immer noch sehr jungen Mannes, der einst über sich rappte, dass er «the youngest old man» sei.

Ein Art Grabesrede zum Schluss

Dieser «jüngste alte Mann», der diesen Sommer vom rachsüchtigen Eminem als «the hooded sweater» verlacht wurde, knüpft zumindest musikalisch an der Vergangenheit an: Die Tracks, die nahtlos ineinander übergehen, setzen auf Vintage-Soul- und Jazzsamples, die Earl Sweatshirt derart entschleunigt und enteuphorisiert, dass man rasch die Aussenwelt vergisst und drin ist in diesem abgekapselten Kopf. Und man hört zu, wie er frei und doch genau von der ebenso losgelösten Tonspur über seine schwierigen Befindlichkeiten berichtet: In «Nowhere2go» bekennt er beispielsweise, dass er sich nach dem Tod sehne. Man hört dann aber auch, wie er sich nach und nach langsam öffnet, bereit ist, den «shit» hinter sich zu lassen. Auf einmal erklingt eine Rede seiner Mutter, der Jus-Professorin Cheryl Harris, die sich bei ihrem Sohn Thebe bedankt, und die Earl Sweatshirt mit einem Gedicht seines entfremdeten Vaters kurzschliesst. Es folgt: Applaus.

Mit dieser Ehrerbietung an seine Eltern hätte «Some Rap Songs» eigentlich enden sollen. Aber dann schlug der Tod zu – und Earl Sweatshirt nahm noch den Track «Peanut» auf, der das Album ins Bodenlose stürzt. Hier gibts keine konkreten Sounds mehr, und Earl Sweatshirt hält in dieser Geisterstimmung eine Art Grabesrede, wenn er seinen «pops» segnet. Er lässt dann noch ein weiteres Familienmitglied hochleben, das im Januar verstorben ist: Die letzten Takte gehören der südafrikanischen Jazzlegende Hugh Masekela, seinem Onkel. Earl Sweatshirt sampelt Masekelas Protestsong «Riot!», der zum Trauermarsch wird. Und der Rapper läuft stumm mit.

Earl Sweatshirt: Some Rap Songs (Columbia/Sony)

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