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Grosse Musik von Roger Waters im Hallenstadion

Der Ex-Pink-Floyd-Musiker in Zürich: Man hat ihm schon sehr vieles vorgeworfen. Subtilität gehört nicht dazu.

Beim dritten Titel reckt er erstmals die Faust. Später wird er Donald Trump zum Schwein erklären. Auf den Grossleinwänden, die sich hinter die Bühne ziehen oder durch die Halle, wird er Kinder auf Abfallhaufen zeigen, Politiker beim Lügen, eine einsame Frau, die mit Kopftuch einen Supermarkt besucht und verdreckte Strassen abwandelt.

In der Pause wird er noch deutlicher werden und blutrote Slogans zeigen lassen: «RESIST ANTI-SEMITISM», «RESIST ISRAELI POLITICS WHICH DISCRIMINATES PALESTINIANS». Die Schüler, die mit ihm «Another Brick in the Wall» singen oder zum Kinderchor mimen, tragen die orangen Kleider und schwarzen Säcke von Guantánamo, am Schluss ziehen sie beides aus, und auf ihren T-Shirts steht «Resist», widerstehe. Man hat Roger Waters im Laufe seiner 50-jährigen Karriere sehr vieles vorgeworfen. Subtilität gehört nicht dazu.

Er gibt es ja zu

Warum noch in seine Konzerte gehen? Weil Waters mit Pink Floyd eine Musik von grosser Melancholie und Schönheit eingespielt hat, die an diesem ersten von zwei Zürcher Konzerten stark vertreten sind. Von den 22 Songs, die er und seine exzellente Band aufführen, stammen 18 aus den Alben «Meddle», «Dark Side of the Moon», «Wish You Were Here», «Animals» und «The Wall», also den fünf besten, die Pink Floyd nach dem Ausfall ihres ersten Sängers Syd Barrett gelungen sind.

Damit räumt Waters vor seinem Publikum ein, was zuzugeben ihm so schwerfällt: dass er seine drei Kollegen in der Band genauso brauchte wie sie ihn. Er war der Konzeptualist der vier, der in grossen Räumen dachte, der die Show wollte, der die grossartigen, trügerisch einfachen Texte schrieb, der das ganze «The Wall»-Album vorausdachte und komponierte. Er wollte das Publikum erziehen, der Lehrersohn mit dem Bass. Die anderen wollten es bloss unterhalten. Weshalb man verstehen kann, dass Waters die drei verklagte, nachdem er die Band verlassen hatte und diese sich trotzdem aufmachten, unter dem Gruppennamen um die Welt zu reisen. Der jahrelange Prozess endete in einem Vergleich, inzwischen hat sich Roger Waters mit David Gilmour versöhnt, seinem wichtigsten Konkurrenten.

Kalter Zorn

Am Konzert in Zürich erwähnt er ihn auf ungewohnt herzliche Art, was weiter darauf hindeutet, dass selbst er verstanden hat, wie wichtig sein ehemaliger Partner für ihn war. Denn Gilmour erwies sich als der weit bessere Sänger und Musiker, sein Gitarrenspiel blieb unverkennbar, und ohne ihn klingt Waters harsch, und die meisten Songs seiner Solistenkarriere bleiben ungeniessbar.

Umso mehr kann man sich an seinem Konzert daran freuen, dass «Is This the Life We Really Want?», sein neues Album, mit Abstand das beste ist seit «The Wall» mit Pink Floyd – und das kam 1979 heraus. Waters spielt vier neue Stücke, und nur eines fällt ab, dafür klingen die drei übrigen engagiert und attraktiv, auch wenn selbstverständlich klar wird, dass er Akkordfolgen aus frühen Jahren rezykliert («Picture That») oder den langsam funkigen Sound von Pink Floyd übernimmt («Smell the Roses»).

Aber beide Songs klingen grossartig, das Publikum applaudiert, und lyrisch bleibt der Songschreiber auf hohem Niveau. «Picture That» ist kalter Zorn, jede Zeile erbrochen, rücksichtslos und elegant, das muss man erst einmal können. Und er ist so wütend über die Welt, so erschüttert über «diesen armen, verletzlichen Globus, den wir Heimat nennen», wie er es, mit seinem üblichen Pathos, gegen Ende des Konzertes formuliert.

Die Tickets zu seinen Konzerten kosten bis zu 250 Franken. Aber man weiss, dass er viel Geld spendet. Bei allen Einwänden, bei allen Widersprüchen, bei aller Kritik: Don’t resist Roger Waters.

Roger Waters, heute Dienstag im Hallenstadion um 20 h.

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