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Der Lesben-Kuss als PR-Stunt

Als Sandra Bullock am Sonntag Scarlett Johansson auf der MTV-Bühne küsste, machte sie rund um den Globus Schlagzeilen. Was wollen die Popstars mit ihrer Knutscherei eigentlich erreichen?

Auch Popstars müssen mit der Mode gehen, sie noch mehr als alle anderen. Und seit Katy Perry mit ihrem «I kissed a Girl» vor zwei Jahren einen beispiellosen Erfolg landete, scheint die Knutscherei auf den MTV- und anderen Bühnen dieser Welt kein Ende zu nehmen. Sandra Bullock war nur das jüngste Beispiel, aber auch Miley Cyrus hat den Lesben-Kuss in ihrem neuen Bühnenprogramm eingebaut - ganz zu schweigen von Christina Aguilera und Madonna, Pionierin auf diesem Feld. Inzwischen dürfte auch die letzte Vertreterin der Branche begriffen haben, dass man mit dem ominösen Kuss, am besten vor einem tobenden männlichen Publikum, die ultimative Hetero-Mainstreamphantasie bedient. Und sich natürlich Schlagzeilen sichert. Wer sich noch nicht zur lesbischen Knutscherei durchringen konnte, outet sich als sowas von letztes Jahrhundert.

Die ultimative, preisgünstige PR-Waffe

Allerdings geht es bei der so medienwirksamen Mädchen-Knutscherei ja keineswegs um Homosexualität, nicht einmal um Bisexualität, sondern um das bi-curious, also die unverbindliche Neugier am eigenen Geschlecht, die ganz allgemein sexuelle Aufgeschlossenheit signalisieren soll. Im Falle Sandra Bullocks wurde der Kuss sofort als Rache an ihrem betrügerischen Ehemann gedeutet. Anstatt einfach nur hinreissend auszusehen oder einen jüngeren, schöneren Mann zu daten, rächt man sich heutzutage, indem man andere Mädchen küsst – und zwar mit Vorliebe auf einer Bühne. Der lesbische Kuss ist heute die ultimative Waffe im Arsenal der PR-Strategien - äusserst treffsicher und preisgünstig noch dazu.

Zwischen Männern funktioniert das aber nach wie vor nicht. Schwule Küsse gehen allenfalls als grober Sketch durch, wie im Falle Sacha Baron Cohens, der in seiner Rolle als schwuler Modejournalist Brüno sein Publikum mit entsprechenden Stunts zu schockieren versuchte. Männerküsse sind höchstens als keuscher Bruderkuss erlaubt, etwa, wenn Fussballer einander zum Tor beglückwünschen – wobei sexuelle Konnotationen peinlichst vermieden werden.

Sozialistischer Bruderkuss

Trotzdem hat der Kuss als PR-Strategie Tradition. Unvergessen bleibt etwa der Kuss, den Michael Jackson und seine damalige Gattin, Lisa Marie Presley- 1994 bei den MTV Video Music Awards tauschten. Die unerwartete Hochzeit mit der Elvis-Enkelin sollte unter anderem das angeschlagene Image des Superstars wieder aufpolieren – der Kuss sollte auch jene Zweifler zum Schweigen bringen, die darin nur eine PR-Aktion sahen. Die Ehe dauerte allerdings bloss 18 Monate und Presley bestätigte im Nachhinein die Gerüchte: «Die Leute haben sich gefragt, was das soll. Ich war höllisch naiv. Irgendwann war mir klar, dass ich nur Teil einer riesigen PR-Maschine war.»

Doch nicht immer ist die Wirkung öffentlich getauschter Küsse abschätzbar. Zu unerwartetem Ruhm brachte es etwa der Kuss zwischen Breschnew und Honecker im Oktober 1979, den der Pressefotograf Régis Bossu für die Nachwelt verewigte. Der Bruderkuss war damals ein übliches Begrüssungsritual zwischen sozialistischen Staatschefs und bedeutete zwar mehr als das Händeschütteln anderer Staatsmänner, aber die im Bild angedeutete Zärtlichkeit zwischen den beiden faltigen Männern war nicht beabsichtigt. Elf Jahre später erhob der russische Künstler Dmitri Vrubel den Kuss zum Symbol seines eigenen Liebesleids und malte das Bild auf die Berliner Mauer. «Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben», schrieb er darunter. Es ist noch heute eines der berühmtesten Bilder auf der Mauer.

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