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Der Poet des Rock’n’Roll

Keiner brachte das Lebensgefühl der Rock’n’Roller so präzis auf den Punkt wie Chuck Berry. Am Samstag ist der Sänger, Songschreiber und Gitarrist 90-jährig in den USA gestorben.

Pionier des Rock'n'Roll: Chuck Berry ist tot. (Video: Tamedia/AP)

Als er in den 1960er-Jahren auf einer England-Tournee war, studierte Chuck Berry laut der Legendenschreibung jeden Tag die Wechselkurse von Pfund und Dollar. Gab es eine Abweichung zu seinen Gunsten, verlangte er die Gage sofort in bar und drohte, sonst nicht zu spielen. Mit solch unzimperlichen Methoden fuhr der Geschäftsmann jeweils ein paar «Gewinne» im einstelligen Bereich ein.

Gewitzter Beobachter

Der am Samstag in St. Charles, Missouri gestorbene Chuck Berry war kein leicht fassbarer Mensch. Auf der Bühne konnte er charmant und humorvoll auftreten. Sein Gesang, «genauso wellig und ölig wie sein Haar» (Nik Cohn), liess auf einen gewitzten Beobachter schliessen, der die Teenager des Rock’n’Roll-Zeitalters mit Mini-Hymnen zu ihrer Befindlichkeit versorgte. Berry war der Poet der Rock-Generation.

In «School Days» besang er das sehnliche Warten der Schüler auf die Pausenglocke und setzte diesem Frust seinen Schlachtruf «Hail! Hail! Rock’n’Roll» entgegen. «Roll Over Beethoven» kratzte am Lack der Hochkultur, «Johnny B. Goode» besang ein rockendes Wunderkind, «No Particular Place To Go» vertonte das Teenager-Lebensgefühl zwischen Langeweile und Erregung.

Berrys Texte waren schlau und reich an Details. Die Automobil-Modelle in seinen Songs wurden ebenso präzis benannt wie die Städte und Staaten der USA, durch die sie kreuzten – so hielt man die lokalen Fans bei der Stange.

Musikalisch war der 1926 in St. Louis geborene Sänger, Songschreiber und Gitarrist in der Tradition des (Rhythm and) Blues verwurzelt. Seine grossen Hits nahm er in den Chess-Studios von Chicago auf, zu seinen Begleitern gehörten Blues-Grössen wie Willie Dixon und Otis Spann. Auf seiner roten Gibson-Gitarre spielte er einen unverwechselbaren Blues-Stil, der später von zahllosen weissen Schülern kopiert wurde – am erfolgreichsten von Rolling Stone Keith Richards.

Die Folgen des Rassismus

Als schwarzer Rock’n’Roller war Berry in den 1950er-Jahren aber auch mit einer Gesellschaft konfrontiert, die noch strikt rassengetrennt war. Seine Karriere erhielt einen grossen Dämpfer, als er wegen eines Verstosses gegen den «Mann Act» vorübergehend aus dem Verkehr gezogen wurde. Ihm wurde vorgeworfen, mit einer Minderjährigen «zu unsittlichen Zwecken» die Grenze zwischen zwei Bundesstaaten überquert zu haben.

Als er 1963 wieder auf der Szene erschien, war der Rock’n’Roll tot – dafür war Berry jetzt der Held des in England grassierenden Rhythm-and-Blues-Revivals. Die Beatles, die Stones, die Kinks, die Yardbirds: Einfach alle schwärmten für ihn und coverten seine Songs.

Ein letztes Album

Doch Chuck Berry war misstrauisch geworden. Er gab sich übellaunig und unumgänglich, feilschte ständig um Gagen und bot dafür oft nicht mehr als ein Budget-Programm. Er liess sich von lokalen Bands begleiten, ohne dass man je geprobt hätte.

Gegen Schluss seiner Karriere waren seine Konzerte reiner Minimalismus. Er spielte einige Songs, bat dann ein paar Tänzerinnen aus dem Publikum auf die Bühne und entschwand sang- und klanglos. Kurz vor seinem Tod spielte Berry noch ein neues Album ein, das nun wohl posthum veröffentlicht wird.

Chuck Berry hinterlässt eine Familie, die Kollegen Fats Domino (89), Little Richard (84) und Jerry Lee Lewis (82) – vor allem aber einen wahren Fundus an klassischen, unübertrefflichen Rock’n’Roll-Songs.

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