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Der Soloüberrumpler

In der Summe das Trancegefühl: Colin Stetsons Solo-Sax-Album ist viel mehr als ein Solo-Sax-Album.

Colin Stetson: Ein Saxer, der auch mal am Mundstück vorbeibläst.
Colin Stetson: Ein Saxer, der auch mal am Mundstück vorbeibläst.
zvg

Man reibt sich die Ohren: Das soll die Soloplatte eines Saxofonisten sein? Viel Perkussion ist zu hören, manchmal meint man, aufgedrehte Gitarren zu vernehmen, dazu treten Bassgrundierungen und Gesänge.

Unter alldem schneiden Bariton-, Alt- und Tenorsaxofon­linien in einer Weise hervor, die man der Instrumentenfamilie gemeinhin nicht zuordnen möchte. Sehr rhythmisch ist diese Musik, melodiös auch, und in der Summe ergibt das ein Trancegefühl, das immer mehr trägt, je öfter man es hört.

Rockmuster und solche moderner Electronica sind versetzt mit Ambient, Industrial und Elementen des Jazz, doch in der Summe ist diese Musik des Soloüberrumplers Colin Stetson ein Unikat.

Physisches Saxofon

Eingespielt hat Stetson das alles in Kanada. Hier wohnt der 1977 in den USA Geborene seit 2007, und in der Abgeschiedenheit hat er in den zurückliegenden zehn Jahren seinen physischen Saxofonton immer mehr individualisiert.

Unbemerkt blieb das nicht, und Stetson arbeitete mit so unterschiedlichen Künstlern wie Ar­cade Fire und Peter Kowald, Tom Waits, Lou Reed und Bill Laswell, Laurie Anderson und Mats Gustafsson, The National, Feist und Hamid Drake quer durch die Genres. Wenn er aber allein seine Soundgebäude errichtet, ist er am eindrucksvollsten.

Nachdem er im vergangenen Jahr mit grösserer Band eine Neuinterpretation von Henryk Goretzkis 3. Sinfonie von 1976 vorlegte, die mit ihren tief emotionalen Klageliedern sogar in die Popcharts fand, setzt er nun mit «All This I Do for Glory» seine intensive Solosuche fort.

Minimalistische Muster werden entlang klarer Gerüste durchgeführt. Das sind kompakte Storys in Tönen, die innerhalb der Soloexkursionen des Jazz aus vielerlei Gründen ohne Vergleich sind.

Wurde zum Beispiel die Zirkularatmung, das einen endlosen Fluss bewirkende gleichzeitige Ein- und Ausatmen, bei Musikern von Rahsaan Roland Kirk bis Evan Parker stets als Höhepunkt der Intensitätssteigerung wahrgenommen, ist es bei Colin Stetson eine selbstverständliche Voraussetzung für die Entwicklung seiner narrativen Bewusstseinsströme.

Bewusst eingesetzte Atem- und Klappengeräusche ergeben einen perkussiven Teppich, auf dem der Solist spielt, während er zusätzlich noch am Mundstück vorbeisingt oder -schreit. Das ergibt eine klangfarbenreiche Mehrstimmigkeit, die mächtige Soundwälle auftürmt.

Farben diverser Herkunft

Seit Lee Konitz und Sonny Rollins bis zu den Tenorheroen des Free Jazz sind Soloaufnahmen von Saxofonisten mehr und mehr an der Tagesordnung. Bei Colin Stetson geht es nicht um Kraftmeierei, sondern um die innere Logik einer komplexen Musik, die in sich kreist und sich zu etwas Grösserem schichtet.

Gerade indem er nicht bei der reinen Lehre bleibt, sondern sich Farben und Details diverser Herkünfte anverwandelt, definiert Stetson sein Instrument völlig neu.

Colin Stetson:«All This I Do for Glory». 52Hz/Indigo.

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