Der Sound aus den Youtube-Schlünden

Züri-West-Keyboarder Oli Kuster und Schlagzeuger Emanuel Künzi integrieren skurrile Youtube-Videos in improvisierten Electrojazz. An der Jazzwerkstatt Bern feiern sie damit Premiere.

Künzi und Kuster experimentieren im Progr.

Künzi und Kuster experimentieren im Progr.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Die Leinwand steht in einem Kellergewölbe des Kulturzentrums Progr. Das Bild zeigt die Verpackung eines Rasierapparats der Marke Philips. In Nahaufnahme befreien nun zwei dunkelhäutige Hände das Gerät behutsam von seinem Gefängnis, als wäre es eine Reliquie. Die Finger ziehen an den einzelnen Laschen des Kartons.

Nach und nach kommen die einzelnen Bestandteile des Geräts zum Vorschein, die verschiedenen Klingen, die Aufsätze, das Kabel. Eine Stimme aus dem Off kommentiert auf Singhalesisch jedes einzelne Stück. Unten rechts poppen immer wieder Schriftzüge auf: Like!, share!, subscribe!

Impro-Piepsen

Links vor der Leinwand steht Oli Kuster an den Keyboards und Synthesizern, schraubt an den Regulatoren, lässt seine Finger über die Tasten gleiten: Ein sphärischer elektronischer Klang erfüllt den Raum: Piep-Töne, Synthie-Akkorde, schräge Computerbeats. Oli Kusters Blick wechselt von der Leinwand hin zu seinen Instrumenten und zu Emanuel Künzi, der vis-à-vis von ihm am Schlagzeug sitzt und einen zarten, trabenden Rhythmus spielt. Ein improvisierter Electrojazz entsteht, der das skurrile Video jäh aus seinem Zusammenhang reisst und es zu etwas anderem macht. Zu einem Teil eines nie gehörten Musikstücks.

Unboxing nennt sich das, was da auf der Leinwand zu sehen ist. Es gibt auf Youtube zig Millionen solcher Clips, in denen alles Mögliche, vor allem aber elektronische Geräte ausgepackt werden und die sich einer millionenfachen Zuschauerschaft erfreuen. Ein typisches Internetphänomen halt. Der Unboxing-Clip ist einer von total neun, zu denen Oli Kuster und Emanuel Künzi am Mittwochabend anlässlich der 12. Jazzwerkstatt Bern in der Turnhalle erstmals live spielen werden (siehe Kasten). Weitere sind etwa ein Französischsprachkurs, ein Meditationsvideo, ein Hip-Hop-Tanzkurs oder eine Blockflöte spielende Asiatin.

Oli Kuster kennt man vor allem als Keyboarder von Züri West. Er ist aber immer auch mit anderen Formationen unterwegs, derzeit etwa mit AEIOU, Menschmaschine und Die Astronauten. Der Berner Emanuel Künzi ist Experimentalperkussionist, Grafikdesigner und hat an der Jazzschule Luzern studiert. Wie Oli Kuster bewegt auch er sich mit verschiedenen Bands im Spannungsfeld zwischen Jazz und Electro.

Die beiden haben sich vor rund zwei Jahren kennen gelernt und haben seither im Keller des Progr gemeinsam geprobt, experimentiert und improvisiert. Irgendwann, sagt Oli Kuster, hätten sie gemerkt, dass noch etwas fehle. Eine zusätzliche Ebene. Das Videoportal Youtube hat schon andere zu neuen musikalischen Formen inspiriert. So hat etwa der israelische Musiker Kutiman aus zahlreichen Youtube-Clips neue eigene Lieder komponiert und damit für viel Aufsehen gesorgt.

Fluch und Segen

Kuster und Künzi haben aber einen anderen Weg eingeschlagen. Sie suchten in den Youtube-Schlünden nach Videos, die vom «Singsang» her, wie Kuster es ausdrückt, zu ihrer Musik passten. Die Inhalte sind deshalb zwar eher zweitrangig, das musikalische Experiment legt dennoch den Bilderflut-Selbstdarstellungsirrsinn von heute frei und lässt unweigerlich über die Bildschirmsucht nachdenken.

Aber Youtube ist nicht nur Fluch, sondern auch Segen, das sagen ebenfalls die beiden Musiker. Es ist eine unerschöpfliche Inspirationsquelle, Musikarchiv auch, Material, mit dem man arbeiten kann. «Aber man muss sich durch eine grosse Menge Müll und Werbung hindurcharbeiten, bis man die wahren Perlen findet», sagt Künzi. «Irgendwie scheint der Bildschirm einen Schutz zu bieten, eine Hülle, in der der Mensch die Scham fallen lässt.»

Youtube ist ein verrücktes Universum. Und ist eine verrückte Welt, in die Künzi und Kuster den Zuschauer entführen. Die Jazzwerkstatt Bern ist bekannt dafür, ausgefallenen Experimenten und neuen Projekten eine Plattform zu bieten. «Wir hatten das zwar nicht geplant», sagt Oli Kuster noch, «der Zeitpunkt hat sich so ergeben. Aber die Jazzwerkstatt ist sicher das richtige Gefäss für solche Sachen.»

Berner Zeitung

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