Der talentierte Mr. Dickinson

Der Iron-Maiden-Sänger trat in einem halb vollen Schweizer Saal auf und machte Comedy. Es war grossartig – nur ein Beatles-Fan verliess zornentbrannt den Raum.

  • loading indicator
Philippe Zweifel@delabass

Wenn Bruce Dickinson mit seiner Band auftritt, tigert er auf der Bühne herum und fordert das Publikum auf: Scream for me! 80’000 Menschen brüllen dann zurück. Seine Band, das ist Iron Maiden. 80 Millionen verkaufte Alben. Bandmaskottchen: Eddie, ein verwesender Zombie. Gestern war Megastar Dickinson nicht in einem Fussballstadion gebucht, sondern im Zürcher Volkshaus, wo er seine Autobiografie vorstellte. Für Metal-Fans ist das, wie wenn Roger Federer auf einem städtischen Tennisplatz auftauchen würde.

Der 60-jährige Dickinson, muss man wissen, war schon immer etwas anders als seine Berufskollegen. Während diese sich mit Groupies vergnügten oder die Leber wegsoffen, focht er auf Weltklasseniveau und liess sich zum Linienpiloten ausbilden, der Touristen nach Mallorca flog. So war auch die «Lesung» unkonventionell. Statt aus seinem Buch zu rezitieren, das jedem Zuschauer signiert überreicht wurde, machte Dickinson daraus eine Stand-up Comedy. Frei gesprochen, mit perfektem Timing, als ob er in seinem Leben nie etwas anderes gemacht hätte.

Am lautesten wurden natürlich jene Anekdoten beklatscht, die eine Linie zu seinem Leben als Rockstar zogen. Wie der später für seine Falsettstimme berühmte Sänger in der Privatschule etwa nicht im Chor singen wollte, weil dort ein übergriffiger Lehrer unterrichtete. Nebenbei nahm der dreifache Familienvater zum Vergnügen des Publikums auch das englische Schul- und Klassensystem auseinander. Bloss als er den Beatles-Song «Let It Be» erwähnte, den seine Schülerband komplett verhunzt hatte, obwohl er ja «banal» sei, empörte sich ein Zuschauer sehr und verliess fluchend den Saal: «Gaats no, Beatles abemache, das laan ich mir nöd biete!»

Weil der Engländer kein Schweizerdeutsch versteht, konnte er nicht darauf eingehen. Das hätte er sonst sicher getan, in der abschliessenden Fragerunde zeigte er sich schlagfertig; eine Frage zu Willhelm Tell parierte Dickinson, der auch Geschichte studiert hat, mit einem fulminanten, minutenlangen Exkurs, welcher in der Rossini-Ouvertüre endete. Fragen nach dem Alter drehte er ins Selbstironische: Ja, bei Maiden-Konzerten drängelten sich die Fans heute nicht mehr in der ersten Reihe, sondern ganz hinten bei den Toiletten, «in steter Angst, die Pyro-Show zu verpassen».

Irgendwie schaffte er es auch, seine Krebserkrankung auf tragikomische Art abzuhandeln, und spätestens da gab es einem ein bisschen zu denken, dass ein englischer Metal-Musiker lustiger ist als die meisten hiesigen Komiker. Vor allem aber fragte man sich, wieso Dickinson, der dieses Jahr mit Iron Maiden wieder die Stadien dieser Welt füllen wird, seine Lebensgeschichte über drei Stunden lang voller Verve einem halb vollen Saal präsentiert. Geld hat er genug. Zeit eher nicht. Hat er ADHS? Weil die Fragen vorher auf ein Kärtchen geschrieben wurden, konnte man ihn nicht direkt darauf ansprechen. Aber Bruce Dickinson gab die Antwort, die den Iron-Maiden-Fans im Publikum seltsam vorkommen musste, von allein: «In einer Rockband zu sein, ist wirklich nicht alles.»

Eines der grössten Konzerte der Musikgeschichte: Iron Maiden spielen 1985 in Rio vor 300’000 Zuschauern.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt