Der Unruhestifter

Andrea Kaiser wurde mit der Band Dnjepr in den späten 1980er-Jahren zu einer Koryphäe der Berner Subkultur. Jetzt erscheint ein neues Album. Dieses Mal ist der Aufruhr ein stiller: Es ist vertonte Literatur.

Sein neues Album ist von Literatur inspiriert: Andrea Kaiser – Musiker, Vielleser, Provokateur. Foto: Raphael Moser

Sein neues Album ist von Literatur inspiriert: Andrea Kaiser – Musiker, Vielleser, Provokateur. Foto: Raphael Moser

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Das Haus im Brunnmattquartier ist so gesichtslos wie die Wände drinnen nackt. Ein Geruch von kaltem Zigarettenrauch hängt in den Räumen. Auch Möbel gibt es in dem mehrstöckigen Haus kaum. Es ist, als wollte sich hier einer nicht in die Seele blicken lassen. Deshalb wird in diesen Zeilen auch nichts Privates über ihn stehen und auch nicht mehr als ein halbes Gesicht auf dem Foto zu sehen sein.

In den späten 1980er-Jahren wurde Andrea Kaiser mit seiner Band Dnjepr zu einer Koryphäe des Berner Undergrounds – sagenumwoben. Die Szene und auch Kritiker waren allesamt begeistert und fanden kaum Worte für diese kompromisslose Musik aus dunklen Melodien mit schreienden, seufzenden Gitarren und schwelenden Rhythmen.

Klar, dass Kaiser auch seine Musik nie definieren wollte, dass er mit Etiketten wie «New-­Wave-Post-Punk» wenig anfangen kann. Schubladen sind ihm ein Gräuel, Gefälliges sowieso. Er sagt etwa: «Ich mache mehr oder weniger ernsthaft Musik, seit ich 13 Jahre alt bin. Für mich war immer klar: Ich werde kein Rockstar. Du kannst nur von der Musik leben, wenn es den Leuten gefällt, und das ist eine riesige Unfreiheit.»

Der Misstrauische

Andrea Kaiser ist ein Unruhestifter. Einer, der jedem Anschein von heiler Welt misstraut. Er hat, obwohl selber Teil der damaligen aufbegehrenden Jugend, ihr auch den Spiegel vorgehalten. Er bezeichnete Züri West und Tom Waits etwa als «Meitschi-Musik», weil das damals alle hörten, und nannte es «Wohlstandsrock». Er gab Voll-Play-back-Konzerte, nur um alle zu brüskieren. «Das Publikum ist ohnehin unwichtig» ist auch so ein Satz, den er heute noch braucht. Er sagt aber auch: «Ganz so ist es natürlich nicht. Sonst würde ich ja nicht auftreten wollen.» Understatement und Provokation sind bei Kaiser Programm und Attitüde zugleich.

Das Comeback

Lange war es still um ihn. Nach 25 Jahren gab er 2017 mit «The Nine Gates» ein hochgelobtes Comeback, dieses Mal nur noch als One-Man-Band. So, als hätte er nur darauf gewartet, dass es in Bern wieder Platz gibt für Musik aus dem Untergrund. «Der Techno hat die Livemusik wirklich schwer beeinträchtigt», sagt er. «Plötzlich war der DJ der Held. Bands und Konzertmöglichkeiten wurden verdrängt. Jetzt sind wir daran, uns zu regenerieren. Im Moment passiert wahnsinnig viel. Und das ist sehr spannend. Nichts gegen DJs, aber ich bin froh, haben wir wieder Raum für Bands. Ich sehe und höre einfach gerne Bands. Punkt.»

Die Zeit ist also wieder reif. Nächste Woche folgt mit «Songs of No Return» Kaisers zweites Solowerk. Und neu nennt er sich auch nur noch Dnepr, weil «die Angelsachsen das nicht aus­sprechen können», wie er sagt. «Die sagen dann Dnschiper oder so.»

Musik über Literatur

«Songs of No Return» also, das ist der Grund für dieses Treffen in dem halb leeren Haus. Denn das Album verrät zumindest etwas über Kaiser: dass er ein Leser ist. Die zwölf Lieder, die eigentlich wieder keine Lieder sind, sondern Schichten von Melodien und Klanggewölbe, beziehen sich alle auf literarische Werke. Die Frage drängt sich auf: Hat sich da einer in den Elfenbeinturm zurückgezogen? Gibt es nicht mehr genug Reibung da draussen?

«Vielleicht ist das altersbedingt. Ich sei auch umgänglicher geworden, lasse ich mir sagen», meint Kaiser. «Wenn ich etwas nicht mag, ist es Wiederholung. Und wenn ich jetzt, mit meinen fast 60 Jahren, immer noch auf die Strasse gehen wollte, um zu provozieren, fände ich das ein bisschen… na ja.» Tatsächlich sei aber Literatur immer wichtig gewesen in seinem Leben, und deshalb habe das auch irgendwann so kommen müssen. «Und ist nicht jede gute Literatur per se politisch, eine Provokation? Schöne Literatur ist für mich immer humanistisch. Und ich bin ein Humanist.»

1100 Bücher

Angefangen hat die Liebe zur Literatur mit einem Buch von Edgar Allan Poe, das ihm ein Antiquar verkauft hatte. Da war er8 Jahre alt. Bis heute hat Kaiser rund 1100 Bücher gelesen. Ein grosser Teil davon ist jetzt in dem einzigen wohnlichen Zimmer des Hauses zu finden, in einer Bücherwand.

Natürlich mag Kaiser auch keine Ranglisten. Deshalb sind es auch nicht Lieblingsbücher, die es aufs Album geschafft haben. Tatsächlich ist die Auswahl schwer einzuordnen, gibt kein Bild ab von Kaiser. Wenn auch freilich Poe nicht fehlen durfte, Kafka («In der Strafkolonie») und Shakespeare («Macbeth») auch nicht. Aufgelistet sind etwa noch Arno Schmidts Monumentalwerk «Zettel’s Traum», für das er 6 Jahre benötigte, um es zu lesen, Mary Shelleys «Frankenstein» oder Joseph Conrads «Herz der Finsternis».

«Es sind Bücher, die mich im Zusammenhang mit Musik interessant dünkten, die zu passen schienen, mit denen etwas entstehen konnte», sagt er. Vor5 Jahren wären es wohl andere gewesen.

Vertonte Liebe?

Die meisten Lieder widerspiegelten schlicht die Stimmung, die das jeweilige Buch in ihm ausgelöst habe. Einen intellektuellen Überbau will Kaiser zu seinem Album nicht liefern. «Sind wir ehrlich: Was ich mache, kann man nicht vergleichen mit einem Schriftsteller, der etwas wirklich Schönes geschaffen hat. Gitarre spielen ist nur teilweise ein intellektueller Akt. Schreiben ist viel kontrollierter», sagt er – spricht dann trotzdem davon, wie in diesem oder jenem Lied der Rhythmus Beunruhigung darstelle oder die Gitarre den humoristischen Part, weil man Gitarren heutzutage sowieso nicht mehr ernst nehmen könne.

Oder wie eben gerade das Lied zu «Zettel’s Traum» eine Art leeres Versprechen sei wie eigentlich jeder Traum. «Aber es ist ja nicht aus Literatur Musik geworden, sondern durch Literatur inspirierte Musik entstanden», sagt er noch. «Das grösste Thema in der Popmusik ist Liebe. Ich frage: Wie willst du Liebe vertonen? Das ist ja noch viel lächerlicher. Noch viel weniger fassbar.»

Dnepr, «Songs of No Return» (Everest Records),Plattentaufe: 4. September, Rössli-Bar, Reitschule, Bern, ab 20 Uhr.

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