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Der Wunderknabe

Arthur Russell war zeitlebens ein Aussenseiter – der sich mit seinem Cello in die New Yorker Disco wagte. Nun lernt man auch eine andere Seite des grenzenlosen Musikers besser kennen.

Nicht nur wegen seines Flanellhemds fiel er auf: Arthur Russell. Foto: PD
Nicht nur wegen seines Flanellhemds fiel er auf: Arthur Russell. Foto: PD

Er ist ein «wonder boy», einer, der auch mal nichts macht und beispielsweise den zugefrorenen Fluss entlangspaziert, um Hunde zu beobachten. Arthur Russell singt das Lied über den recht untätigen und sich wundernden Wunderknaben mit sehr offenherziger Stimme – man hört auch ein Staunen heraus, das seinem Bericht eine zusätzliche Innigkeit verleiht. Und so unspektakulär das Klavierlied «Wonder Boy» trotz dem Vibrafon-Arrangement zunächst klingt: Die Wärme und Verbindlichkeit, die von diesem Song ausgehen, bleiben hängen.

So wie «Wonder Boy» wirken auch einige andere Stücke nach, die auf dem kürzlich erschienenen Album «Iowa Dream» zu hören sind. Es ist eine Sammlung, die bislang unbekanntes Archivmaterial von Arthur Russell enthält und mit dem das Leben und Werk des lange vergessenen Einzelgängers weiter neu entdeckt wird. Das Album jedenfalls passt zum Dasein eines Musikers, bei dem so vieles offengeblieben ist, und der 1992 an den Folgen einer HIV-Ansteckung in New York gestorben ist. An seinem Sterbebett sass der Beatnik-Papst Allen Ginsberg; Russell wurde 41 Jahre alt.

Weitherum bekannt war Arthur Russell zeitlebens nicht, auch wenn immer wieder probiert wurde, ihn in die Genieklasse hineinzuhieven. Zu scheu und eigensinnig war er unterwegs, zu vielfältig war seine Musik, die er auf zahllosen Kassetten aufgenommen hat und die der Flaneur in den Achtzigern im Walkman immer wieder angehört hat: Mal sang er herzliche Bubblegum-Popsongs, mal begleitete er mit dem Cello eine «Psycho Killer»-Aufnahme der Talking Heads, die ihn einst als festes Mitglied gewinnen wollten. Als Cellist spielte er die Musik von Minimal-Music-Komponisten wie Philip Glass, er komponierte auch selbst Orchestermusik. Oder er produzierte Hip-Hop-Beats, über die der spätere Actionfilm-Prügel Vin Diesel sehr unbedarft rappte (hier gehts zum Song).

Arthur Russell zog aber auch in die Disco, mit fluiden Tracks, die den Puls in den queeren Clubs New Yorks vorgaben. Wer «Go Bang», vielleicht seine erfolgreichste Aufnahme, heute hört, vernimmt einen freien Zugang zum Dancefloor, mit einer Posaunenfigur, einem zunächst seltsam unzwingenden Beat, der sich weitermorpht – bis er die Discobesucher geradezu zum Tanzen zwingt.

Selbst in jener Nummer, in der die Ekstase ausbricht, hört man Arthur Russells Aussenseiterposition durch. Diese hatte er inne, seit er 1951 in Oskaloosa, Iowa, geboren wurde. Denn Charles Arthur Russell, wie er eigentlich hiess, war immer ein «different kid», wie ihn sein sportenthusiastischer Vater in der Filmdoku «Wild Combination» bezeichnet. In seinen Kindheitsjahren interessierte er sich nicht für Sport (beim Hochsprung schaffte er es, den Arm zu brechen). Lieber zog er sich in eine Welt aus Dinosauriern, Astronomie und Zaubertricks zurück. Später las der scheue Akne-versehrte Teenager Bücher von John Cage oder die Schriften des LSD-Papstes Timothy Leary. Als seine Eltern bei ihm ein Marihuana-Pfeifchen (nicht aber das LSD) entdeckten, schlug ihn sein Vater. Arthur verliess nach diesem Vorfall die US-Provinz, die vor allem durch ihre weiten Kornfelder berühmt ist; er fand Zuflucht in einer buddhistischen Hippie-Kommune in San Francisco und versank in der Musik.

1973 zog Arthur Russell nach New York. Er fiel damals auf mit seinen Flanellhemden, mit denen er wie ein Bauer erschienen ist. Er fiel auch früh mit einer Ungreifbarkeit auf, die seine Musik auszeichnete: Ob Punk, Minimal-Music oder buddhistische Mantras, die er mit Allen Ginsberg aufgenommen hat: Alles saugte er auf, weil für ihn Genre-Denken wie auch die althergebrachte Trennung zwischen E- und U-Musik fremd waren.

Bei ihm fehlte immer irgendwas: Arthur Russell. Foto: Audika Records
Bei ihm fehlte immer irgendwas: Arthur Russell. Foto: Audika Records

So sehr das Nicht-Festgelegte heute fasziniert, so sehr wurde es ihm kommerziell zum Verhängnis. So stammen ein Teil der Songentwürfe, die auf «Iowa Dream» zu hören sind, aus Sessions mit dem Produzenten John Hammond. Der Dylan- und Springsteen-Entdecker Hammond hatte 1995 ein akustisches Solo-Folkalbum im Sinne, doch zu seiner Verwunderung tauchte Arthur Russell mit einer kompletten Band auf, und die Zusammenarbeit fand ein schnelles Ende. Er machte, so erinnern sich Weggefährten in der Filmdoku, mit seinem Eigensinn alle verrückt. Und immer fehlte etwas, weshalb so wenige seiner Songs in fertigem Zustand vorliegen.

Erst Jahre nach seinem Tod wurde sein gleichzeitig fragmentarisches wie überbordendes Werk nach und nach editiert: Als in New York zur Jahrtausendwende Post Punk und hybride Discomusik mit Bands wie dem LCD Soundsystem ein Revival feierten, tauchte auch die Musik von Arthur Russell wieder auf. Er wurde von zahlreichen Indiemusikern gecovert und als Visionär gefeiert, einer, der in der Abkapselung wundersame Platten wie das intime Cello-Songalbum «World of Echo» aufgenommen hat. Und als man meinte, Russell sei bloss ein experimenteller Vorwärtsdenker gewesen, überraschten die Nachlassverwalter mit der Entdeckung seiner süssen Folk-Country-Seite.

Die Folk-Country-Seite bestimmt auch «Iowa Dream», das von Aufnahmen bestimmt ist, die kurz nach seiner Ankunft in New York entstanden sind. Die provinzielle Heimat ist hier noch deutlich spürbar, etwa im losrumpelnden Titelstück, in dem der Sänger mit dem Velo vor Hunden flüchtet. Aber er ist auch bereits in der Grossstadt angekommen, die Entgrenzungen und Ausschweifungen zulässt, beispielsweise dann, wenn der Schwule Arthur Russell behauptet, ein «Girl from Outer Space» geküsst zu haben.

Auch das passt zu einem, für den so vieles möglich gewesen ist – und der auf dieser Welt nirgends so richtig angekommen ist.

Arthur Russell: Iowa Dream (Audika Records)
Arthur Russell: Iowa Dream (Audika Records)

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