Der Zahn der Zeit

Am Montreux Jazz Festival treffen sich die Generationen. Während der Rocknachwuchs von The Lemon Twigs die Luftsprünge sucht, blenden die Pop- und Bluesveteranen zurück in ihre Jugend.

Alteingesessen: Bryan Ferry ist eine der Rock­legenden, die Nachwuchsbands wie The Lemon Twigs inspirieren.

Alteingesessen: Bryan Ferry ist eine der Rock­legenden, die Nachwuchsbands wie The Lemon Twigs inspirieren.

(Bild: Keystone)

Die Bühne ist fast leer. Ein paar grosse Trommeln, ein noch grösserer Verstärker, zwei Mikro­fone: Das ist alles. Doch als das englische Duo Slaves loslegt, vermisst man nichts. Vor allem wünscht man sich nicht noch mehr Lautstärke. Brachial reduzierter Punkrock kracht aus den Boxen, Frontmann Isaac Holman hämmert wie ein Galeerentrommler auf sein Arsenal ein und schreit sich in Form, während sein Partner Laurie Vincent scheinbar unbeteiligt metallene Riffs drischt.

Jugendliche Kraft

Rock ist tot? Von wegen. Er braucht einfach nicht mehr so viel Infrastruktur, auf der Inputseite wird maximal reduziert. Bei der Rocknacht im Montreux Jazz Lab vom letzten Dienstag sind zwei Duos und ein Quartett am Werk. Alle geben alles und ­scheinen sich im Epizentrum des Bebens wohlzufühlen. Holman jedenfalls ist ein geborener Agitator, der sich seinen englischen Humor bewahrt hat und diesen auch beim Publikum rüberbringt. Wer mit so wenig Material auskommt, muss selber voll reinknien. Da hilft es, wenn man voller jugendlicher Kraft ist.

An Letzterer fehlt es den Lemon Twigs aus New York nicht. Der Drummer liefert akrobatische Einlagen ohne Ende, unter seinen wirbelnden Beats explodiert das Schlagzeug wie ein Knallkörper. Vorne steht grinsend ein schlaksiger Gitarrist mit androgyner Stimme, der ebenfalls eine strähnige Langhaarfrisur trägt, so, wie es die Rocker in den 1970ern vormachten.

Aussergewöhnliches Familien-Start-Up-Unternehmen

Die Lemon Twigs spielen eine Mischung von Prog Rock, Glam und Pop, John Lennon trifft Freddie Mercury und covert mit ihm eine New-York-Dolls-Nummer. Erstaunlich, mit welcher Nonchalance die beiden Brüder Brian und Michael D’Addario auch komplexe Arrangements meistern und wie gross ihre Kenntnis der Popgeschichte ist. Beide sind noch Teenager und kennen das 20. Jahrhundert nur vom Hörensagen. Mitten im Set wechseln die Brüder die Positionen: Nun trommelt der eine und spielt der andere die Stromgitarre, vollzieht dazu phänomenale Luftsprünge. Was dieses Familien-Start-up-Unternehmen an Präzision, Spielfreude und Songwriterkunst liefert, ist doch aussergewöhnlich.

Für Familiennachzug ist auch beim gemeinsamen Konzert von Taj Mahal und Keb’ Mo’ gesorgt. Die beiden Bluesklassiker geben in der leider nicht so intimen Kulisse des Jazz Club ein herzerwärmendes, entspanntes Konzert. Taj Mahal ist mittlerweile 75, trägt Hawaiihemd und spielt im Sitzen, doch noch immer sprudelt aus ihm das alte karibische und afroamerikanische Liedgut. Hinter ihm strahlen seine Töchter Deva und Zoe, die ihren Vater nur ganz sanft gesanglich unterstützen, während der elegante Keb’ Mo’ diskret durch den Abend führt, die jazzig angehauchte Band dirigiert und an der Stahlgitarre seinem Vorbild Robert Johnson huldigt.

Solides Fundament

Alternde Poplegenden mag es trösten, dass sie in der Musik von jungen Bands weiterleben. Bryan Ferry und Brian Wilson, die einen gemeinsamen Montreux-Abend bestritten, sind etwa bei den Lemon Twigs wiederzuerkennen. Beide lieferten standesgemässe Konzerte auf solidem Fundament. Doch Ferry wirkte müde. Eigentlich aber lebt seine elegante Musik davon, dass unter der kühlen Oberfläche die Leidenschaft glüht. Von Brian Wilson weiss man längst, dass er ausser Konkurrenz auftritt. Wie ein staunendes Kind lauschte er den Minipopsinfonien, die er in seiner Jugend geschrieben hat. Er selber sang wenig. Doch als er seinen allerersten Song «Surfer Girl» anstimmte, lag ein Zauber in der Luft.

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