Der Zaubertrank vom Mississippi

Soundcheck

Im Progr entführten Jon Cleary und John Scofield das Publikum auf einen Deluxe-Trip nach New Orleans.

Sind sich gegenseitig Fans: Jon Cleary und John Scofield. Foto: sam

Sind sich gegenseitig Fans: Jon Cleary und John Scofield. Foto: sam

Da haben sich zwei gefunden: Am Flügel sitzt Jon Cleary, den es vor langer Zeit in den ame­rikanischen Süden, genauer nach New Orleans, verschlagen hat. Er wirbelt über sämtliche 88 Tasten seines Instruments, stampft mit dem Fuss den Takt zu seinen vertrackten Rhythmen und singt wie ein in Trance geratener Ministrant in einem Gospelchor.

Ihm gegenüber steht John Scofield, einer der besten Jazzimprovisatoren überhaupt, für den eine Gitarre, ein Verstärker und ein einziges Effektpedal («Wah-Wah») als Ausrüstung ausreichen, um immer neue musikalische Welten zu erkunden. Cleary ist eigentlich Engländer, Scofield stammt aus Connecticut im Nordosten der USA.

Doch es scheint, als seien die beiden schon als Kinder in einen Topf voll Mississippi-Wasser ge­fallen, dem Zaubertrank der Bluesmusik. Und so grooven und funken sie gemeinsam durch ein Repertoire, das so tief im Süden der USA verwurzelt ist wie die Trompete von Louis Armstrong, die Bücher von Tennessee Williams oder der Jambalaya-Eintopf der Kreolen.

Quelle: Youtube/bluesvoice04

Solch feuchtwarme, lebensfreudige Musik ist eine gute Idee für diesen grauen, nasskalten Berner Novemberabend, an dem das zahlreiche Publikum in die Progr-Turnhalle gekommen ist. Das illustre Duo begrüsst die Leute mit seiner Version von Sam Cookes anschmiegsamem Song «Soothe Me», der wie gemacht ist für Clearys samtig-soulige Stimme. Scofield erhält eine erste Ge­legenheit für einen langen Spaziergang auf seinem Gitarrenhals, bei dem er nie dorthin zurückkehrt, wo er herge­kommen ist.

Es geht weiter mit Gospel, einer Johnny-Guitar-Watson-Adaption und jeder Menge Songs aus Clearys geliebter Wahlheimat New Orleans. Man lässt die «Good Times» rollen, zollt dem legendären Pianisten Professor Longhair und gleich dreimal dem zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Rhythm-and-Blues-Sänger Little Willie John Tribut. Dessen Fingerschnipp­hit «Fever» sorgt auch in der Version von Cleary/Scofieldfür Hühnerhaut.

Im Publikum sichtet man auffällig viele Vertreterinnen und Vertreter des Berner Gitarristen- und Pianogewerbes, die über die beseelte Leichtigkeit von Clearys Spiel und den Facettenreichtum und die souveräne Technik von Scofield staunen. Je länger der Abend dauert, desto mehr realisiert man, dass die beiden Akteure gegenseitig ihre grössten Fans sind. Scofield bezeugt seine Freude, mit dem «Piano Wizard» aus New Orleans spielen zu können, und dieser verharrt bei einigen der Solo-Exkursionen des Gitarristen sang- und klanglos und mit leicht staunendem Blick auf seinem Klavierschemel.

Dass dies dennoch viel mehr ist als ein «Showcase» für Angefressene, ist der hör- und spürbaren Hingabe an die gespielte Musik zu verdanken. «Diese Nummer war ein Renner in den Südstaaten, von Louisiana bis Texas», kündigt Cleary die Zugabe an. «Und in Connecticut», wirft Scofield mit Blick auf seinen Heimatstaat ein. «Süd-Connecticut», präzisiert Cleary.

Nächsten Sonntagabend (10.11.) im Progr: Doppelkonzert, «From Jazz to Electro-Experiments», Simon Preisig an der Violine und Stefan Aeby am Piano, 20.30 Uhr.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt