Die jüngsten Stars auf der Thuner Seebühne

Drei Berner Jungs singen auf der Thuner Seebühne die Lieder von Udo Jürgens. Sie wechseln sich in derselben Rolle – derjenigen des Jungen Florian – ab. Denn als Schüler dürfen sie nicht zu viel arbeiten.

Das Musicalensemble probt weiter, die drei Florians posen kurz für ein Bild.

Das Musicalensemble probt weiter, die drei Florians posen kurz für ein Bild.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Ein Knirps verkündet: «80 ist das neue 60.» Damit erklärt er der Stewardess auf dem Kreuzfahrtschiff, dass auch sein Grossvater noch zum Flirten fähig sei. Dann klatscht er lässig die Hände der Umstehenden ab und sitzt auf den Schoss eines Rollstuhlfahrers, der ihn herumchauffiert.

Denn er will seinen verliebten Opa finden. Hinter der Szenerie ragt in majestätischer Grösse der Kopf der Freiheitsstatue in den Himmel. Doch das hier ist nicht New York, das ist die Bühne der Thunerseespiele. Das Musical «Ich war noch niemals in New York» nimmt die Gäste über See auf den amerikanischen Kontinent mit.

Und der Knirps ist in Wirklichkeit kein Knirps mehr. Und es gibt ihn gleich dreimal: Jeremy Birchmeier (12), Fabio Guillelmon (14) und Linus Nieder­hauser (14) teilen sich die Rolle von Florian, der immer gut über seinen Opa wachen muss.

Juristisches Korsett für Jung

Normalerweise gibt es für einen Darsteller bei den Thunerseespielen nur eine Zweitbesetzung für den Notfall. Bei Florian lässt das juristische Korsett dies nicht zu, da die Darsteller noch nicht 16 Jahre alt sind. Die Arbeitsstunden würden das Maximum übersteigen. Daher teilen sie sich die Rolle und die Probezeit zu dritt.

Sie sind nicht nur sehr jung, um auf der Bühne zu stehen, sondern auch noch in der Schule. Macht diese denn keine Probleme, wenn sie dem Unterricht fernbleiben? «Nein, gar nicht. Sie stärkt uns den Rücken», sagt Jeremy aus Oberbipp. «Es ist streng neben der Schule. Wenn wir aber hier sind, dann ist es sehr cool», sagt Linus, der aus Hondrich kommt.

«Jetzt ist die Auf­regung nicht gross. Wenn aber die Premiere naht, kommt auch das Kribbeln.»Fabio Guillelmon undLinus Niederhauser

Alle drei machen zum ersten Mal bei den Thunerseespielen mit. Jeremy, der Jüngste, kann sich am meisten für die Lieder von Udo Jürgens begeistern. Sie begleiten das ganze Musical. Sein Götti zeigte ihm die Musik von Jürgens, als der Schlagersänger 2014 starb: «Seither bin ich Fan.» Fabio, der in der Berner Altstadt wohnt, hingegen singt sie lieber, als dass er sie zu Hause für sich hört. Ihr grosses Solo ist das bereits erwähnte Lied von Udo Jürgens «Mit 66 Jahren».

Kühler Kopf auf dem See

Die Jungs stehen mit dem Solo auch im Mittelpunkt einer Szene. Sind sie da nicht nervös? «Momentan ist die Aufregung noch nicht gross, wir sind genug beschäftigt mit den Proben. Wenn aber die Premiere naht, kommt das Kribbeln ganz von selber», sind sich Fabio und Linus einig. Zu Beginn probten sie noch in einer Curlinghalle. Seit sie auf dem Thunersee üben, habe das Stück stark Form angenommen, sagt Linus. Fabio ergänzt: «Vorher sahen und spielten wir nur einzelne Szenen. Nun kommt die ganze Geschichte zusammen.»

Irrgarten unter der Bühne

Die Orientierung unter der Seebühne sei allerdings nicht ohne, sagt Linus: «Es ist ein Labyrinth!» Drei Bühnenabstiege und fünf Bühnenaufstiege gebe es für sie. Es braucht daher Vorstellungskraft und Übung, um den richtigen Zugang auf die Bühne zu finden. In den Proben darf ein kleiner Patzer passieren.

Aber in ein paar Tagen gilt es für die nächsten sechs Wochen ernst. Dann ist Premiere, ein Auftritt am falschen Ort wäre peinlich. Im verwinkelten Untergrund der Bühne befinden sich übrigens auch alle Requisiten, Umkleideräume und Instrumente. Über 700 Tonnen tragen die Pfeiler, die auf dem Seeboden stehen. Ein eindrucksvolles Gerüst hilft beim Tragen des unterirdischen Labyrinths, der Bühne und der Tribüne.

Wie kamen die drei Jungs überhaupt zu ihrer Musicalrolle? Jeremy erfuhr in einem Musical-Camp, dass sie noch jemanden für die Rolle suchen. Fabio wurde im Stadttheater entdeckt: Damals spielte er eine Solorolle in der Oper «Anna Karenina». Und Linus? Wissen wir nicht, er steht gerade auf der Bühne, singt und tanzt das Florian-Solo. Alle drei mussten sich allerdings noch bei einem Casting profilieren.

Stadt-Land-Graben?

Die drei Berner kommen alle aus verschiedenen Ecken des Kantons: Jeremy aus dem Oberaargau, Linus aus dem Berner Oberland und Fabio aus Bern. Da stellt sich die Frage: Gibt es zwischen ihnen eigentlich einen Stadt-Land-Graben? Fabio und Linus antworten gemeinsam: «Höchstens einen Eishockeygraben.» Die beiden sind nämlich SCB-Fans, Jeremy hingegen unterstützt den EHC Biel.

Die Meinungen gehen im Sport auseinander, auf der Bühne sehen sie sich in Zukunft aber alle. Für Jeremy ist Musicaldarsteller der grosse Traum. Er ist auch der Ehrgeizigste der drei. Linus möchte nach einer Lehrerausbildung eine Theater- und Musicalausbildung an­hängen. Fabio sieht sich zwar eher in den Naturwissenschaften, von der Bühne will er sich aber nicht verabschieden. Dafür singt, tanzt oder musiziert er zu gern vor Publikum.

Mittlerweile wurde Fabio zur Probe auf die Bühne ge­rufen. Linus und Jeremy können sich im Schatten eines Sonnenschirms kurz zurücklehnen. Auf ihrer Stirn glänzen Schweissperlen. Bei diesen heissen Temperaturen bringt nicht einmal der Seewind eine Abkühlung mit sich. Und es ist noch nicht Feierabend: Die drei Florians müssen noch ein letztes Mal auf die Bühne.

Berner Zeitung

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