Ein sanfter Riese macht den Anfang

Ein Mann wie ein Bär lanciert das Gurtenfestival: Rag ’n’ Bone Man fand es «fucking beautiful» auf der Hauptbühne. Schon im Interview vor der Show zeigte er Herz und Haut.

Er kann die Wolken herbei- und wieder wegbeschwören: Rag ’n’ Bone Man.

Er kann die Wolken herbei- und wieder wegbeschwören: Rag ’n’ Bone Man.

(Bild: Christian Pfander)

Ein Fels, ein Bär, ein Wikinger: Rory Graham alias Rag ’n’ Bone Man schreitet auf die Bühne, mit Goldkette, Camouflage-Kapuzenhemd und blau-weissen Turnschuhen. Singt ein, zwei Lieder und sagt dann: «Shit, it’s fuck­ing beautiful to be here.» Das finden die Gurten-Besucher offenbar auch. Selten ist der Platz vor der Hauptbühne beim ersten Konzert so gut gefüllt.

Knapp drei Stunden vorher: Rag ’n’ Bone Man sitzt im Backstagebereich des Gurtenfestivals und gibt Interviews. Leger in Shorts, T-Shirt und mit Hut. Er lächelt sanft, spricht leise, streicht sich hin und wieder den Krausebart. Ein wenig schüchtern wirkt er fast. Und spricht über seinen Erfolg in den letzten Monaten. «Strange» – seltsam – sei das alles. Vor seinem Hit «Human» habe man in der Heimat England seine Musik schon gekannt, aber nicht sein Gesicht.

Wenn Rag ’n’ Bone Man spricht, muss man gut hinhören. Wenn er singt, kann man nicht weghören.

Seit letztem Jahr ist alles anders. «Plötzlich trete ich in TV-Shows auf, gebe Autogramme, und Leute laufen mir hinterher. Der Rummel ist schön, aber völlig verrückt.» Er bedaure ein wenig, dass er jetzt nicht mehr selbst an Festivals gehen könne, als normaler Besucher. Dass Dinge, die vorher selbstverständlich ge­wesen seien, plötzlich nicht mehr möglich seien. Und inkognito geht beim mächtigen Fast-2-Meter-Mann nichts. Wo er ist, da wird er auch gesehen.

Der Wolkenbeschwörer

Wenn Rag ’n’ Bone Man spricht, muss man gut hinhören. Wenn er singt, kann man nicht weghören. Tief und durchdringend ist das, voller Seele, die Texte traurig und schwer. Weltprobleme werden besungen, unglückliche Liebschaften, ein Song handelt von einem Serienkiller. Wenige Minuten nach Konzertbeginn wird der Wind stärker, dunkle Wolken tauchen auf. Als hätte Rag ’n’ ­Bone Man sie heraufbeschworen.

Das Konzert in Bern ist nur ein kurzer Zwischenhalt auf der Europa-Tour. Gleich nach dem Konzert steigt Rag ’n’ Bone Man in den Tourbus und fährt weiter. Von Bern wird der 32-Jährige diesmal nicht viel sehen. Aber er war schon ein paarmal da. «Ein Freund von mir ist von London hierhergezogen», erzählt er. ­Dieser habe ihm den Kindli­fresserbrunnen gezeigt. «Das ist so brutal! Der frisst Babys!» Dann lacht der sanfte Riese dieses tiefe, rauchige Lachen aus tiefster Kehle.

Der Schulbub

Die dunklen Wolken bleiben nicht lang. Rag ’n’ Bone Man hat sie wieder weggesungen. Zum Song «Skin» gibt es Gänsehaut und Tausende, die mitsingen. Danach winkt der Musiker gerührt ins Publikum, freudig, wie ein Schulbub seiner Mutter. «Hey, dä isch so härzig!», ruft eine Gurten-Besucherin. Und, von weiter vorne: «U das am ne Mittwuch!»

Er lächelt sanft, spricht leise, streicht sich hin und wieder den Krausebart. Ein wenig schüchtern wirkt er fast.

Musikalisch kommt Rag ’n’ ­Bone Man aus dem Hip-Hop, hat lange gerappt. Es sei die erste ­Musik gewesen, die ihn so richtig umgehauen habe, mit 13 Jahren. So nennt er Outkast als seine ­musikalischen Vorbilder, Lauryn Hill, aber auch alte Meister wie Aretha Franklin, Otis Redding, Al Green. Sie alle hört man raus in diesem blues- und tränen­getränkten, modernen Pop.

Sein Hals, Arme und Beine sind mit Tattoos übersät. Am Hals ein Mikrofon, am Oberarm ein Baby aus der TV-Serie «Die Simpsons». Das erste Tattoo habe er sich mit 16 stechen lassen, erzählt Rag ’n’ ­Bone Man im Gespräch. Eine ­Indianerfrau auf dem rechten Unterarm. «Leider sieht sie aus wie Gene Simmons von Kiss. Ganz schlecht gemacht.» Und da ist es wieder, dieses kehlige, kauzige Lachen des Riesen.

Und das Konzert? Ist nach einer Stunde bereits zu Ende. Trotzdem: Ein guter Anfang. Und das an einem Mittwoch.

Berner Zeitung

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