Ein Stromkabel zum Mond

Wie klingt er denn nun, der Kongo? Mbongwana Star haben an den Stanser Musiktagen ihr fabelhaftes Album vorgestellt – bloss ganz anders, als man das erwartet hätte.

Auf dem Weg zum Mond: Théophile Nsituvuidi Nzonza von Mbongwana Star am Dienstag in Stans. Foto: Dragan Tasic

Auf dem Weg zum Mond: Théophile Nsituvuidi Nzonza von Mbongwana Star am Dienstag in Stans. Foto: Dragan Tasic

Christoph Fellmann@tagesanzeiger

Er heisst Michel und trägt einen Raumanzug. Darin geht er durch die heisse, feuchte, staubige Luft in Kinshasa wie durch ein klebriges Weltall. In der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo kennen fast alle den Strassenkünstler im silbernen Overall und gläsernen Helm, diese Traumgestalt im zerrüttetsten Land der Welt. Die Welt lernt ihn jetzt kennen, in einem Videoclip von Mbongwana Star: «Wir alle möchten den Kongo und Kinshasa niemals verlassen», sagt Théophile Nsituvuidi Nzonza, der sich als Théo vorstellt, in der Garderobe des Kollegiums in Stans, wo die Gruppe gleich auftreten wird. «Es ist nur so, dass wir manchmal davon träumen, mit einer Rakete zum Mond zu fliegen.»

«From Kinshasa to the Moon» heisst folglich das erste Lied auf dem Album der Band, die Théo mit Yakala Ngambali, genannt Coco, gegründet hat. Und gleich wie das Lied hätte auch die Platte heissen sollen, doch die Herausgeber in London kürzten auf «From Kinshasa»; vermutlich, um keine extraterrestrischen Ambitionen auf die lebensechte Anmutung einer Band kommen zu lassen, die von behinderten Strassenmusikern gegründet wurde. Mbongwana Star gingen vor zwei Jahren aus den Trümmern der bekannten Staff Benda Bilili hervor, die sich 2013 nach Streitereien um Geld und Missmanagement aufgelöst hatten

Mbongwana Star, «Malukayi», feat. Konono No. 1, 2015

ihre Band im Konzert dann in den offenen Space schiessen, trägt deutlich die Züge einer Stromgitarre. Ein junger Kongolese namens Jean Claude Kamina Mulodi treibt sie in unermüdlichen Kreiselbewegungen voran, eine um die andere Stufe dieses hysterischen, hypnotischen Trips zündend – der zuletzt allerdings nicht auf den Mond führt, sondern in den Untergrund von Kinshasa, wo die Stadt in den Clubs und Partykellern ihr afroamerikanisches Erbe feiert.

«Rumba-Rock» nennt Théo die Musik von Mbongwana Star, und tatsächlich klingt sie wie eine Serie fiebriger Rückkoppelungen zwischen dem Kongo und Lateinamerika. Auf Jamaika, Kuba, Haiti, Martinique, Guadeloupe oder auch in New Orleans hatten die Nachkommen zentralafrikanischer Sklaven jene karibischen Stile hervorgebracht, die ab den Dreissigerjahren auf Schallplatten nach Kinshasa zurückströmten und dort ein Tanzfieber auslösten, wie es etwa auf der schönen CD «The World Is Shaking» (Honest Jon’s) dokumentiert ist. Im Begleitheft wird der einheimische Schriftsteller Guy-Léon Fylla zitiert: «Die Kongolesen liebten die lateinamerikanische Musik, weil sie darin ihre eigene wiedererkannten.»

Mbongwana Star, «Kala», 2015

Mittlerweile sind weitere Einflüsse dazugekommen, Rock und Funk, Hip-Hop und die Bouzouki-Musik, die griechische Produzenten nach Kinshasa brachten und die auf der Gitarre in die Afrobeats eingepasst wurden. «Kongolesische Musik?», fragt Théo und sagt: «Ich wüsste nicht, was das sein sollte. So was existiert nicht, das ist bei uns alles ein Mischmasch.» Dass Kinshasa das Potenzial hätte, wie London oder New York ein musikalischer Melting Pot zu sein, in dem sich die zukünftige Popmusik auftut, diese Meinung hat auch Liam Farrell in einem Interview geäussert, der irische Musiker und DJ, der das Album von Mbongwana Star produziert hat.

Vielleicht auch darum klingt die Platte ganz anders als die Partymusik, die die Kongolesen im Konzert spielen. In einem improvisierten Studio in einem Hinterhof in Kinshasa hatte Farrell in zehn Tagen das Rohmaterial aufgenommen. Zurück in Europa, imaginierte er sich den «Rumba-Rock» neu als metro-politanen Hipstersound. Clubbige Beats und langsame, supertiefe Bässe betten die Chants, und noisige Effekte und Geräusche sollen den Ghettosound von Kinshasa einfangen, den übersteuert armen Klang verflickter Instrumente und schrottiger Radioempfänger.

Mbongwana Star, «Nganshe», 2015

Das klingt super und zerschlägt ohne falsche oder auch richtige Ehrfurcht jedes Klischeebild einer archaischen afrikanischen Ethnomusik. «From Kinshasa» ist eine begeisternde Platte, die zeigt, wie eine globale Popmusik jenseits von Rihanna und One Direction im 21. Jahrhundert auch noch klingen könnte. Zu drei Songs hat die Plattenfirma zudem Videoclips filmen lassen, die einen mitnehmen auf die Strassen und in die Hinterhöfe von Kinshasa, auf nachtschwarze Kreuzungen, über denen ein paar Lampen hängen wie ein ärmliches Sternenmeer. Und durch diese düstere, melancholische Kongonacht schwebt Michel, der Astronaut, und lädt uns ein, über Eskapismus nachzudenken.

Denn so schön diese Videos sind, so bebildern sie doch offensichtlich eine europäische Idee von einer afrikanischen Not, die erfinderisch macht. Das ist nichts, das man Liam Farrell vorwerfen sollte, denn hier spielt auch nur wieder der älteste Popwiderspruch überhaupt: In London sangen die Rolling Stones den Blues der Sklaven, in Liverpool dengelten die Beatles einen Rock ’n’ Roll zum Tanzen und Sexhaben. Studenten interessierten sich schon immer fürs Elend; die Arbeiterkinder, die das Elend schon kannten, lieber für die Party.

Mbongwana Star, «Nganshe». Live am Afro Ruhr Festival 2015

Hinter der Bühne in Stans warten Théo und Coco in ihren Rollstühlen darauf, dass sie zum Nachtessen abgeholt werden. Über die Kriege, über den ökonomischen und ökologischen Raubbau im Kongo möchten sie nicht reden. Klar sei es hart, in Kinshasa als Musiker zu überleben, sagen sie; es fehle an Plattenfirmen, an Studios, an intakten Instrumenten – an allem ausser an Musikern. «In den Liedern aber singen wir über die Liebe», sagt Coco, «wir sind eine apolitische Band.» Tatsächlich: Wer die Platte kennt, betritt am Konzert ein anderes Kinshasa. Hier brüllt ein Rock ’n’ Roll, der keine Misere vertonen, sondern Geld ranschaffen soll. Denn so eine Rakete ist zwar schön, aber doch nur ein Traum. «Unsere Botschaft ist», hat Théo gesagt, «dass wir Geld brauchen. Geld, um zu Hause ein Studio und eine Musikschule für Kinder bauen zu können.»

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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