Eindeutig zweideutig

Ein Spass, doch zu lachen gibt es wenig: Das neue Album der Industrial-Teutonisten Rammstein.

Operettenhafte Rollenprosa: Sänger Till Lindemann (Mitte) und seine Entourage. Foto: PD

Operettenhafte Rollenprosa: Sänger Till Lindemann (Mitte) und seine Entourage. Foto: PD

Ane Hebeisen

Ein simples Streichholz ziert das Cover des unbetitelten neuen Rammstein-Albums. Und das Spiel mit dem Feuer beherrschen sie ganz formidabel, die Mannen der erfolgreichsten Band Deutschlands. An Rammstein-Konzerten geht minütlich irgendetwas in Flammen auf – gerne auch die Band selber. Und in ihren Videos oder im entsprechenden Textgut zündeln sie gerne mit politischen Zweideutigkeiten.

Nach dem Vorbild der weit raffinierter agierenden Konzept-Band Laibach betreiben sie ein wenig ausgeklügeltes Verwirrspiel mit der Symbolik totalitärer Systeme und der Interaktion zwischen Kunst und Macht. Und sie geben sich immer wieder überrascht darüber, dass es auch bei ihnen ganz prima klappt mit der Massenmanipulation: 20 Millionen Tonträger haben Rammstein bisher verkauft und die Welt mit ihrem Tun in ein Gut- und ein Schlechtfindlager entzweit. Entweder man sieht in ihnen die musikalische Entsprechung des hässlich Deutschen, oder man begreift das ganze feuerbepackte Brimborium als hinterlistigen Spass, das deutsche Volk wiederkehrend mit der eigenen Vergangenheit zu entsetzen.

Refrains zum Skandieren

Wie gewichtig diese Band ist (und wie verunsichert Deutschland), zeigt der Umstand, dass für die Deutung des Vorab-Videos nicht nur Musikkritiker, sondern auch Kulturwissenschaftler, Historiker und Juden-Organisationen beigezogen wurden. «Deutschland» heisst das Stück, das auch das neue Album eröffnet. Das Video zeigt einen «Game of Thrones»-Staffel-Trailer-artigen Zusammenschnitt der ungünstigsten Epochen deutscher Geschichte. Und obwohl in diesem Zwiegespräch mit der eigenen Heimat so eindeutige Zeilen fallen wie: «Du: übermächtig, überflüssig / Ich: Übermenschen überdrüssig», war die Aufregung gewaltig. Die Skeptiker machten sich ernsthafte Sorgen, wie das wohl aussehen wird, wenn an den traditionell gut besuchten Stadionkonzerten der Band eine aufgeheizte Menschenmasse den Refrain «Deutschland» skandiert. Hört man sich das neue Album durch, dann dürften da noch ganz andere Slogans mitgebrüllt werden: «Sex», zum Beispiel, «Radio» oder – welch schöne Brechung – «Ich bin Ausländer».

Der chronisch zum Overacting neigende Sänger Till Lindemann übernimmt in seiner operettenhaften Rollenprosa mal die Position eines Lustmörders («Hallomann»), mal die des minderjährigen Bruders eines Lustmordopfers («Puppe»). Mal ist er ein in Sachen Unbeschwertheit unqualifizierter Romantiker («Diamant»), und in «Radio» entwickelt er ein fast schon fetischistisches Interesse an seinem Rundfunk-Endgerät.

Das Problem des neuen Rammstein-Albums liegt also weniger in einer wie auch immer gearteten politischen Brisanz, sondern eher im Auftischen ziemlich schlechten Humors, der in einem fast schon beleidigenden Einfachst-Versmass dargebracht wird. Und die Musik? Nennen wir es Industrial-Teutonismus. Mit deutscher Gründlichkeit dahingestampft, mit elektrischer Energie vollgepumpt, doch es gibt nichts Bahnbrechendes aus dem Genre zu konstatieren, das seine Innovations-Abteilung bereits vor Jahrzehnten aufgegeben hat. Ein Spass irgendwie, doch viel zu lachen gibt es nicht.

Das neue Album von Rammstein ist seit Freitag erhältlich. Das Konzert am 5. Juni im Stade de Suisse war innerhalb eines Tages ausverkauft.

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