Eisbären weinen nie

40 Jahre nach der Gründung legt Stephan Eicher die Platten der Berner Band Grauzone neu auf. Den Anfang macht «Eisbär», die Erkennungsmelodie einer Generation.

Stephan Eicher mit Grauzone am letzten Gig 1981 in Zürich. Fotos: Arnold Meyer

Stephan Eicher mit Grauzone am letzten Gig 1981 in Zürich. Fotos: Arnold Meyer

«Ich möchte ein Eisbär sein, im kalten Polar – dann müsste ich nicht mehr schreien, alles wär so klar.» Kein Deutsch gesungenes Lied brachte den Weltschmerz der frühen 1980er-Jahre auf den Punkt wie «Eisbär».

Quelle: Youtube

In diesem Song ist es eisig kalt und doch glüht in der Tiefe die Leidenschaft, der Wille zum Leben. Geschrieben wurde er von Martin Eicher, der zusammen mit Schlagzeuger Marco Repetto und Bassist Christian «GT» Trüssel 1979 in Bern das Postpunk-Trio Grauzone gegründet hatte.

Ausgangspunkt war ein Albtraum, doch Martin Eichers Lied wurde zur Erkennungsmelodie einer ganzen Generation. Und einer der grössten Schweizer Hits: Ursprünglich auf einem Schweizer Punksampler veröffentlicht, wurde er von einem deutschen Dancefloor-Produzenten entdeckt und schliesslich auf einem Majorlabel veröffentlicht.

Fast eine Million Mal verkaufte sich «Eisbär» insgesamt. Mit einem Schlagzeug-Loop und dem sirrenden Synthesizer wurde die Aufnahme zu einem Prototyp des Techno und immer wieder neu aufgelegt.

Martin Eicher schrieb den Song nach einem Albtraum. Er wurde zur Erkennungsmelodie einer Generation.

«Ein Kunstwerk»

Zum vierzigsten Jahrestag der Grauzone-Gründung ist der «Eisbär» nun zurückgekehrt, als sorgfältige Reedition auf einer Vinyl-Maxisingle, im originalen Artwork mit einem weissen Bären auf blauem Hintergrund. Hinter der Veröffentlichung steht Stephan Eicher, der der Band seines Bruders beitrat und für ihr cinephiles optisches Erscheinungsbild verantwortlich war.

Der umtriebige Popstar erwarb kürzlich die originalen Grauzone-Studiobänder und bewahrte sie davor, verscherbelt zu werden. «Ich habe das gekauft wie ein Kunstwerk», erzählte Eicher einem Interviewer. «Vom Preis her ergibt das keinen Sinn, aber ich habe mir gedacht, dass man die Grauzone-Bänder zurück in die Nähe der Band bringen und sie so rahmen und ausstellen kann, dass sie mehr der Band entsprechen, als das bisher der Fall war.»


Stephan Eicher ist nicht der Einzige, der sich derzeit mit Berner Punk beschäftigt. Auch der Kimiautor Paul Ott arbeitet die Jahre von 1977 bis 1981 in seinem neuen Roman auf.


Nach «Eisbär» soll auch das einzige Album von 1981 neu aufgelegt werden, auch hier in Originalverpackung und bloss sanft restauriert. Als Online-Stream ist es bereits zugänglich. Der «Nachlass» von Grauzone ist übersichtlich: Rund 20 Songs hat die Band veröffentlicht, sie gab nicht mehr als 10 Konzerte, Fotos existieren kaum. Es war wohl gerade diese Zurückhaltung und Kontrolle, die einen Mythos befeuerten, der sich bis heute hält – vor allem im Ausland.

Eben ist erst auch eine nichtautorisierte Liveaufnahme von 1980 aus dem Berner Gaskessel veröffentlicht worden. Sie zeigt eine nicht sonderlich «tighte» Band, die sich aber in Sachen Intensität klar aus der Masse der dilettierenden Punkgruppen hervorhebt.

Leise Hoffnung

«Die ersten Demos von Grauzone tönten, als würde man einen Staubsauger laufen lassen», witzelte ihr Produzent später. Aufgelöst hat sich die Band nie, doch Martin Eicher verschwand ohne jedes Lebenszeichen von der Szene. Dass er sich nun offenbar im Studio seines Bruders Stephan blicken liess, weckt leise Hoffnungen auf eine Fortsetzung der Grauzone-Story. Es wäre eine willkommene Überraschung.

Vinyl: Grauzone «Eisbär», WRWTFWW Records

Berner Zeitung

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