Er singt für alle, die noch analog träumen

Ezra Koenig lebt die Rolle des neuen, jungen Mannes perfekt vor. Auf «Father of the Bride» fängt er mit seiner Band Vampire Weekend das Lebensgefühl am Vorabend des Sommers 2019 ein.

«So leben will ich nicht, aber sterben will ich auch nicht»: Der 35-jährige Vampire-Weekend-Kopf Ezra Koenig. Foto: Monika Mogi (Sony)

«So leben will ich nicht, aber sterben will ich auch nicht»: Der 35-jährige Vampire-Weekend-Kopf Ezra Koenig. Foto: Monika Mogi (Sony)

Wenn man der modernste Mann seiner Generation wäre, was würde man tun? Man wäre wohl nicht mehr Sänger in einer Band. Viel eher wäre man Erfinder einer Netflix-Serie. Würde für Apples Radiostation interessante Menschen interviewen – und zwischendurch einen Song für Beyoncé schreiben. Man würde sich auf Instagram mit einer Babytrage fotografieren, in der man später das Kind herumträgt, das man mit einer Frau hat, die älter und berufstätiger ist als man selbst. Und das Kind würde Isaiah heissen. Wie der Prophet.

Ezra Koenig ist jetzt 35, und er hat all diese Dinge in den vergangenen Jahren gemacht. Er hat die Rolle des neuen, leisen, jungen Mannes perfekt vorgelebt. Koenig war ja schon mal fast ein Popstar, seit er vor 12 Jahren mit seiner Band Vampire Weekend begonnen hat, den Indie-Pop durchzulüften. Aber zwischenzeitlich war er klug und bescheiden genug einzusehen, dass in diesen Zeiten andere Menschen auf die Bühne gehören und die ganze superweisse Kultur ruhig mal die Klappe halten kann.

Vielleicht das schönste Lied auf dem neuen Album: «Harmony Hall». Video: Vampire Weekend (Youtube)

Jetzt ist nach einer sechsjährigen Pause doch wieder ein Album von Vampire Weekend erschienen. «Father of the Bride» heisst es, und die Band gleicht heute eher einem losen Kollektiv – so ist etwa Danielle Haim als Gastsängerin mehrmals zu hören. Doch auch das entspricht dem Zeitgeist – eingeschworene Männergrüppchen sind out.

Das war vor zwölf Jahren noch nicht so. Damals brachte der junge Student Koenig mit seiner Band Niedlichkeit und Leichtigkeit in die Popmusik zurück. Er tourte in Ralph-Lauren-Shirts und mit einer Handvoll Songs um die Welt, aus denen verspielt und smart das Amerika von Obama tönte. Und die zusätzlich auch nach Tennismatchs im Sonnenuntergang auf Long Island klangen.

Nach der Obama-Smartness

Bunter, globalisierter Elite-Uni-Pop war das, und die Millennials liebten ihn instinktiv und auf die Art, wie sie auch den Filmemacher Wes Anderson instinktiv lieben: für den infantilen Ernst, die akademische Exzentrik und die gut bedienten Retromechanismen. Vampire Weekend spielten Musik für alle, die noch analog träumten und sich noch vage daran erinnern konnten, wie es sich anfühlte, in einem Auto auf dem Rücksitz das Fenster mit der Hand nach unten zu kurbeln.

2013 erschien das letzte Album von Vampire Weekend – im gleichen Jahr, in dem Netflix seine ersten grossen Serien auf den Markt brachte. Danach hat sich die Welt schneller verändert als vorgesehen, und Popkultur wird seitdem eher nicht mehr in dreiminütigen Gitarrensongs geschrieben. Die Obama-Smartness hat nicht nachhaltig verfangen, bunt und globalisiert sind verdächtige Attribute geworden. Und ob die Sonne vor Long Island immer noch so untergeht, dass sich daraus ein punkiger Hula-Popsong schreiben lässt? Fraglich.

Dank seinem Talent wird Ezra Koenig in die Nähe von Paul Simon gerückt.

Koenig hat die US-Ostküste gegen die Westküste getauscht und lebt nun in Los Angeles. Damit hat er auch das Schnöseltum hinter sich gelassen, an dem sich die Kritiker so gerne abarbeiteten. Vielmehr spielt die veränderte und bedrohliche Gegenwart eine zentrale Rolle auf «Father of the Bride».

Gleich im zweiten und vielleicht schönsten Song «Harmony Hall» spendiert Ezra Koenig seiner Generation deshalb ein eindringliches Rechtfertigungs-Mantra: «I don’t wanna live like this, but I don’t wanna die».

Voilà, das Lebensgefühl der westlichen Welt am Vorabend des Sommers 2019. Gegenwärtig müssen sich ja so viele zunehmend resigniert fragen, warum sie nicht mehr dagegen unternehmen, dass ihre Systeme implodieren. Trump, Klimawandel, Neo-Nationalismus: Man findet all das nicht gut, aber was soll man auch machen? Achselzucken, Netflix gucken. Und lieber in einer Serie wie «Stranger Things» versinken, in der Kinder der Achtziger das Böse noch besiegen können. «Things have never been stranger», lässt Koenig einen Chor singen, was als direkter Fingerzeig auf diese sentimentale Lähmung zu verstehen ist.

Mit Jerry Seinfeld im Deli: «Sunflower», gedreht von Jonah Hill. Video: Vampire Weekend (Youtube)

«Father of the Bride» ist ein Krisenalbum – im Grossen wie im Kleinen. Die Leichtigkeit der frühen Jahre, die jugendliche Euphorie der Band sind dahin, und an ihre Stelle ist ein nachdenklicher Mann getreten, der um Platz und Identität in der Welt ringt. Koenig wirkt dabei wie eine Figur aus einem Roman von Jonathan Safran Foer: dysfunktional und irgendwie lächerlich, aber angenehm postironisch und auf rührende Art eben doch noch nicht tot.

In vielen Songs scheint auch die jüdische Selbstsuche des Songwriters durch. Ezra Koenig ist in einer Kleinstadt bei New Jersey aufgewachsen. Doch erst jetzt, mit genügend zeitlichem Abstand, kann er benennen, wie ihn das Jüdischsein damals von den anderen Kids unterschieden hat. Man findet aber keine dogmatische Abrechnung, eher wirkt es komisch, wenn er elegante Songzeilen einflicht. Oder wenn er im Video zur Single «Sunflower» mit dem Comedian Jerry Seinfeld in einem koscheren Deli rumhängt.

Ein besonders zärtlicher Abschluss ist das Lied «Jerusalem, New York, Berlin». Selten wurde die Geschichte des letzten Jahrhunderts schöner und trauriger zusammengefasst, drei Städte, eine historische Kulturlandschaft, dank der alles entstanden ist, aber auch alles zerstört wurde. Da ist er dann doch wieder, der melancholische Elitestudent, der seinen eigenen und den Wurzeln der ganzen westlichen Zivilisation nachfühlt.

So wurden sie bekannt: Vampire Weekends «Cape Cod Kwassa Kwassa». Video: Beggars USA (Youtube)

Eingängig und leicht

Die Musik ist nicht mehr der schnell skizzierte, helle Afro-Indie-Pop, sondern sie wirkt reifer und ruhiger. Koenigs Begeisterung für US-Folkrock und Grateful Dead, aber auch für eine Band wie Pavement klingt durch. Die Arrangements sind aufwendiger, geblieben ist sein Songwriter-Talent, dank dem EzraKoenig gerne in die Nähe von Paul Simon gerückt wird.

Dieses Talent trägt dazu bei, dass die Platte trotz 18 zum Teil sehr komplexen Songs immer noch eingängig und leicht wirkt. Die Hoffnung also, Vampire Weekend auch weiterhin bei Hinterhofpartys auflegen zu können und die Menschen – trotz allem – zum Tanzen zu bringen, sie wird nicht enttäuscht. Ein paar wenige Dinge haben sich doch noch nicht geändert.

Vampire Weekend: Father of the Bride (Sony)

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