Er verwandelt Gift in Medizin

Genie, Crack-Abhängiger, Buddhist: In seiner Autobiografie lässt Weltstar Herbie Hancock nichts aus. Und erzählt von den Höhenflügen und den Abstürzen seines Lebens.

Herbie Hancock seziert seine Lebenssituationen, als würde er ein Uhrwerk in seine Einzelteile zerlegen. Foto: Govert de Ross 

Herbie Hancock seziert seine Lebenssituationen, als würde er ein Uhrwerk in seine Einzelteile zerlegen. Foto: Govert de Ross 

«Oh, Mann, willst du d a s wirklich machen? Hey – du bist Herbie Hancock!» David Robinson war langjähriger Manager Hancocks, als dieser ihm Anfang der 80er-Jahre die erste Version von «Rockit» vorspielte, jenes technoide Stück mit dem skalpellmesserscharfen Beat und den kargen Harmonien. Robinson hielt die Nummer für einen Jazzmusiker wie Hancock unwürdig. Und zog «ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen», so Hancocks Worte.

«Rockit», 1983 erschienen, wurde zum Smash-Hit und lief auf MTV in der Heavy Rotation. Es bestätigte Hancocks Ruf als Musiker mit dem Goldhändchen. Denn was hatte Hancock, der 1940 geboren wurde und im Schwarzenviertel der ärmlichen Southside Chicagos aufgewachsen ist, zu diesem Zeitpunkt schon an Erfolgen hinter sich! Als 11-Jähriger debütierte er als klassischer Pianist mit dem Chicago Symphony Orchestra; als junger Jazzer hatte er den berühmten «Watermelon Man» komponiert, dessen Tantiemen ihn über Jahre hinweg finanziell sorglos leben liessen. Natürlich hatte er auch mit Miles Davis gespielt, und sein Jazz-Funk-Album «Head Hunters» von 1973 war lange das meistverkaufte Album der Jazzgeschichte.

All das lässt sich nachlesen in der über 300-seitigen Autobiografie Herbie Hancocks, die mit dem Titel «Möglichkeiten» jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Das Buch ist einerseits eine Fundgrube für Jazz- und Popfans. Man erfährt viel über berühmte Produktionen Hancocks. Und selten hat man so schön darüber gelesen, was sich musikalisch vollzieht beim Jazz als einer Musik des «Seins im Augenblick», die «das Geistige und Intuitive» vereine.

Doch nach der Lektüre hallen andere Dinge stärker nach als das rein Musikalische. Denn Hancock berichtet in seiner Autobiografie rückhaltlos offen über sich und lässt scheinbar nichts aus. Man glaubt etwas von der Psychologie des Erfolgsmenschen Hancock zu begreifen, der vielen Fährnissen ausgesetzt war. Ein Mensch, der es nach eigenen Worten immer verstand, «Gift in Medizin» zu verwandeln.

Den Rassismus ignorierte er

Hemmnisse waren überall in seinem Leben. Das begann in der Jugend mit einer manisch-depressiven Mutter. Und es gab auch buchstäbliches Gift. «Ich brauchte ein High», schreibt Hancock einmal. Der Musiker verlor sich in den 90er-Jahren in den Drogen. Wer wusste denn vor diesem Buch, dass der Mann, der so gern als Sonnyboy auf die Bühne tritt, jahrelang im Bann von Crack stand und von der Droge fast zerstört wurde?

Hancock konnte sich aber immer wieder befreien. Und wie er das tat, macht sein Buch mit seinen vielen Bekenntnissen beinahe zum Lebensratgeber. Von manchen Dingen liess sich Hancock in einer Art Selbstverschliessung ganz bewusst nicht berühren. Den alltäglichen Rassismus «ignorierte» er in seiner Jugend: «Einige Schwarze suchten den Rassismus regelrecht, doch für mich war es wichtig, ihn nicht zu beachten, da die Erwartungshaltung mental auf eine Opferrolle vorbereitete, die keinem half.»

Hancock konnte auch sehr schlau sein. Herrlich ist die Szene, in der er schildert, wie er die Blue-Note-Plattenbosse austrickste, als diese die Urheberrechte von «Watermelon Man» für sich einheimsen wollten. Auch bewahrte der Jazzer in schwierigen Lebenssituationen einen kühlen Kopf. «Okay, ich werde jetzt rational darüber nachdenken, was hier vor sich geht.» Solche Passagen sind in «Möglichkeiten» immer wieder zu lesen. Hancock seziert eigene Lebenssituationen, als würde er ein Uhrwerk in seine Einzelteile zerlegen.

Und doch machte Herbie Hancock Wendungen, die Aussenstehenden geradezu sprunghaft vorkommen mussten. In der radikalen Offenheit gegenüber Neuem sieht der Musiker den Schlüssel zu seiner Person. Das bezieht sich zuerst aufs Musikalische. Hancock profitierte von seinem Mentor Miles Davis; dieser liess ihn den Jazz verstehen als Improvisationskunst, die jeden Moment Ungeahntes produzieren kann. Fehler gibt es nicht, nur Chancen.

Bei seinen Selbsterneuerungen kam dem Pianisten Hancock auch eine Obsession für Elektronik zugute. Dass er schon als Junge Toaster auseinandernahm und später Elektrotechnik studierte, half dem Musiker weiter, der in einer Zeit lebte, in denen technologische Entwicklungen musikalische Innovationen nach sich zogen. Hancock besorgte sich brandneues technisches Gerät oft schon vor dessen Marktreife. In den späten 70er-Jahren befand er sich im Wettstreit mit Stevie Wonder um die neusten Synthesizer-Modelle.

Dazu kam eine Risikobereitschaft, wenn es darum ging, in neue Gebiete vorzustossen. Der Funk-Jazz auf «Head Hunters»? Hancock: «Die Vorstellung, ich hätte eine neue und stilistisch differente Richtung eingeschlagen, weil ich mehr Geld verdienen wollte, mutet lustig an. Wie hätte ich jemals vorhersagen können, dass unser Jazz-Funk-Experiment so erfolgreich sein würde? Es gab überhaupt keine Garantie, mehr Zuhörer zu gewinnen, aber es bestand die deutliche Gefahr, einen Teil meines Publikums zu verlieren!»

Bestätigung im Buddhismus

Die Autobiografie Hancocks liest sich am Ende wie der Bericht über die Erkundungsreise eines Menschen, der das Neue forciert. Schon zu Zeiten von «Rockit» fühlte sich der damals 42-Jährige zu alt, um «den Puls der aktuellen Musik» noch zu spüren. «Die wirklich coole neue Musik kommt meist von den Kids – Teenagern oder Leuten in den Zwanzigern.» Was tat er? Er bat sein Patenkind darum, ihm eine Kassette zusammenzustellen mit den Sounds, die er so höre. Prompt kam das damals nur im Untergrund hörbare Scratching des späteren Hip-Hop vor, das zum Markenzeichen von Hancocks «Rockit» wurde.

Der eigene Drang zur Entdeckung führte Herbie Hancock auch zum Nichiren-Buddhismus. Der Buddhismus bestätigte ihn auf seinem Weg der Offenheit. Die Welt sei voller unendlicher Möglichkeiten. «Durch meine Erfahrungen bei Miles, aber auch aufgrund des Buddhismus lernte ich die Kunst, das Unmögliche in das Mögliche zu verwandeln – Gift in Medizin, Zitronen in Limonade.»

Hancock beschliesst seine Autobiografie mit dem Satz: «Ich kann kaum erwarten, was der nächste Tag mir bringen wird.»

Herbie Hancock (mit Lisa Dickey): Möglichkeiten – Die Autobiografie. Aus dem Englischenvon Alan Tepper. Hannibal-Verlag, Höfen 2018. 332 S., ca. 35Fr.

(Redaktion Tamedia)

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