Es muss knistern

Musik

Es gibt nur ein Album des legendären Jazz- und Bluespianisten Chlöisu Friedli. «Wohäre geisch?» ist jetzt leicht verändert neu erschienen – und korrigiert ein falsches Bild des Künstlers.

Eine Berner Legende, die nicht in Vergessenheit geraten soll: Musiker Chlöisu Friedli.

Eine Berner Legende, die nicht in Vergessenheit geraten soll: Musiker Chlöisu Friedli.

(Bild: zvg)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Es gäbe ihn ja auch auf den meisten Streamingportalen. Aber: Das ist einfach nicht das Gleiche. Ein Chlösiu-Friedli-Lied muss knistern. Sprich: Es muss auf Schallplatte abgespielt sein.

Aber abgesehen davon, dass Plattenspieler heute nicht mehr zu jedem Haushalt gehören, ist Chlöisu Friedlis erste und einzige posthum erschienene Platte «Wo­häre geisch?» von 1982 inzwischen zur Rarität geworden. Die Gefahr ist deshalb gross, dass so einer wie Friedli in Vergessenheit geraten könnte.

Doch noch wird die Legende zu Chlöisu Friedli erzählt und gehört zur Stadtberner Kulturgeschichte wie auch der Ort, wo seine Karriere begann: die Mahogany Hall am Klösterlistutz. Dort wurde der 1949 geborene und in Bern-Betlehem aufgewachsene Friedli in den späten 1960er-Jahren erstmals als Honkytonk-Pianist wahrgenommen.

Er spielte in der legendären Longstreet Jazz Band, war deren jüngstes Mitglied und sorgte schon bald mit seiner Interpretation der Jazznummer «Salty Dog» für Furore. Ab Anfang der 1970er Jahre gehörte er verschiedenen Formationen wie etwa den Blues Shouters an und trat vermehrt solo auf.

Seine Darbietungen mit ausschweifenden Monologen und den skurrilen, poetischen Geschichten, die er auf dem Klavier herumklimpernd erzählte, wurden zum Höhepunkt wilder Berner Szenenächte.

In der Klinik

Wie so vielen anderen auch war dem früh vaterlos gewordenen und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen Künstler der grosse Lebenshunger zur Bürde geworden. Nach Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, etwa auch in der Waldau, ging er 32-jährig vor den Zug.

Das wohl bekannteste Lied aus Friedlis Feder ist der «Sünneliblues», der bildstark und beinahe literarisch vom Klinikalltag erzählt: «..., u nächer isch der Dokter cho: Herr Friedli, mir göh schnäll echli ga rede mitenand. Am beschte uf der eeh... im Wöschruum, uf der Toilette. Si hei nid emal es Rüümli, wo me cha rede mitenang.»

«Er machte nur Bilder – Bilder, die einem die Seele öffnen.»Urs Hostettler über seinen Freund, Musiker Chlöisu Friedli

1980 konnte er für eine TV-Dokumentation über Städteentwicklung einen Song schreiben und schuf mit «Tscharniblues» ein weiteres Stück unvergessene Berner Musikgeschichte. Dass Friedli in Erinnerung blieb und bleibt, ist Leuten wie Urs Ho­stettler zu verdanken, ein einstiger Musikerfreund, selber Liedermacher und Verleger der Fata-Morgana-Genossenschaft.

Er war es, der vor 37 Jahren ge­meinsam mit Grafikerin Sylvia Vananderoye die erste Friedli-Platte herausbrachte. Und jetzt, da Friedli 70 geworden wäre, gibt es eine leicht veränderte Neu­auflage – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: nur auf Vinyl.

«Sackgute Storys»

Urs Hostettler sitzt in einem Berner Café und sagt gleich zu Beginn des Gesprächs, dass es hier ja nicht um ihn gehen dürfe. Man merkt, dass er nicht nur verhindern will, dass dieser eigenwillige Musiker in Vergessenheit gerät. Urs Hostettler will auch ein mögliches falsches Bild korrigieren, das die Nachgeborenen von Friedli haben könnten.

Und schliesslich hält er so gar nichts davon, dass die erste Platte nur noch antiquarisch und für viel Geld zu erhalten ist. Kurz: Chlöisu Friedlis Andenken ist ihm eine Herzensangelegenheit. Die LP 1982 sei ausschliesslich eine Erinnerungsplatte gewesen, erklärt Hostettler.

Damals habe man auf die berühmten «Storys», die Friedli an seinen Konzerten erzählte, verzichtet, weil man ihn auch ein bisschen schonen wollte. «Bei gewissen Stücken merkte man, dass er auch mal verwirrt war und vielleicht nicht mehr ganz nüchtern.»

Die CD, die dann 1991 erschien und die es auch auf den Streamingplattformen gibt, versammelte mehr von seinen eigensinnigen Geschichten. Die neue LP soll nun Friedlis Poesie und Spontaneität mehr Raum geben, wie Hostettler sagt. Sie soll den virtuosen Pianisten, den nahbaren Menschen und Geschichtenerzähler zeigen.

Zwei Jazzstücke sind weggefallen, dafür sind zwei frühe Monologe dazugekommen. «Seine Storys waren einfach sackgut», sagt Ho­stettler. «Seine Beobachtungen erinnern mich gar an Robert Walser.» Friedli sei kein Chansonnier gewesen. Seine Texte hätten nichts Konstruiertes. «Er machte nur Bilder, Bilder, Bilder, die einem die Seele öffnen.

Er war einfach authentisch.» Wichtig ist Hostettler, dass Chlöisu Friedli nicht als «der Blueseraus der Waldau» in Erinnerung bleibt. «Er war kein musikalischer Adolf Wölfli, er verbrachte nur eine kurze Zeit seines Lebens in der Klinik. Die Biografie seines letzten Lebensjahrs sollte nicht sein Werk überlagern.»

Erhältlich ist die LP in den meisten Plattenläden in Bern. Auf den Streamingplattformen gibt es die Neuauflage nicht. Zumindest noch nicht. Das ist auch gut so. Denn: Chlöisu muss knistern.

Chlöisu Friedli: «Wohäre geisch?». Fata Morgana Records. 2019.

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