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«Feuerwehrübungen gibt es immer»

Weder die täglichen 150 Mails noch eine Wasserpanne bringen die Direktorin der Murten Classics aus dem Konzept. Direktorin Jacqueline Keller spricht über ihre Arbeit hinter den Kulissen.

Wenn es sein muss, holt Jacqueline Keller, Direktorin der Murten Classics, auch mal miauende Katzen unter der Bühne hervor.
Wenn es sein muss, holt Jacqueline Keller, Direktorin der Murten Classics, auch mal miauende Katzen unter der Bühne hervor.
FN

Vor dem Konzert huschen Sie im Festkleid über die Bühne des Schlosshofs in Murten, machen frohe Miene, haben aber ganz anderes im Kopf.Jacqueline Keller: Es sind die letzten Minuten dafür, noch Dinge zurechtzurutschen – und wenn es auch nur ein Stuhl ist. Auch während des Konzertes bin ich im Alarmzustand. So musste ich am letzten Samstag zwei junge Katzen unter der Bühne hervorholen. Das Miauen hätte sich mit dem Violinsolo kaum vertragen.

Und manchmal sind Sie auch Notenständerin. Einmal spielte der künstlerische Leiter Kaspar Zehnder Querflöte auf der Treppe, als plötzlich ein kräftiger Windstoss die Notenblätter wegfegte. Ich sammelte sie ein, kniete zu Füssen des ­Maestros und hielt sie bis zum Schluss fest.

Wenn das Festival beginnt, ­haben Sie einen grossen Teil der Arbeit bereits erledigt. Rund 300 Orchestermusiker, 90 Solisten und Ensemblemusiker müssen untergebracht werden. Die Orchester wohnen im Autobahnhotel Rose de la Broye bei Estavayer, wo es 60 Einzelzimmer gibt. Für die Solisten hingegen suche ich für vierzig Nächte Privatzimmer. Aber das klappt gut. Viele Privatpersonen freuen sich jedes Jahr auf die Gäste. Es haben sich auch Freundschaften entwickelt. Einige Gastgeber stellen gar ihre privaten Räume für Proben zur Verfügung: Die Pianistin Judith Jauregui, in diesem Jahr Artist-in-Residence, darf in einem Privathaus am Steinway-Flügel üben und auch den Swimmingpool benutzen. Die Orchester hingegen üben im Prehlschulhaus oder in der Seelandhalle in Kerzers. Obschon vieles aufgegleist ist, bekomme ich während des Festivals täglich rund 150 Anrufe und Mails.

Viel Organisationstalent scheint ein Vorteil zu sein. Feuerwehrübungen gibt es trotzdem immer. Wenn zum Beispiel Kaspar Zehnder in Bratislava übt und mir telefonisch durchgibt, dass die örtlichen Hornisten nicht nach Murten mitreisen können, muss ich mit ihm zusammen innert ein paar Stunden zwei neue Hornisten finden. Für jedes Instrument habe ich eine Liste mit rund dreissig Musikerinnen und Musikern, die ich notfalls mobilisieren kann.

Gibt es ein Ereignis, das Sie nicht so schnell vergessen? Vor zwei Jahren hat ein Musiker im Hotel einen argen Schaden verursacht. Er wollte nach dem Konzert ein kaltes Bier geniessen und stellte die Flaschen im Lavabo unter laufendes Wasser. Der Musiker verliess das Zimmer, ohne das Wasser abgestellt zu haben, die Etikette löste sich und verstopfte den Abfluss. Nach dem Konzert informierte uns das Hotel, dass die erste Etage überschwemmt sei. Das Wasser drang bis ins Erdgeschoss, und die Elektrizität fiel aus. Zum Glück hatte der Mann eine Versicherung.

Rund 200 Freiwillige arbeiten an den Murten Classics mit. Was machen sie? Ohne Freiwillige könnte das Festival nicht existieren. Schon allein die Pause verlangt einen Einsatz von 20 Leuten. Auch der Umzug vom Schlosshof in die Kirche braucht ein gut funktionierendes Team, das kurzfristig die Instrumente zügeln kann. Nur Kaspar Zehnder und ich sind im Mandat angestellt.

Und die Musiker werden gehegt und gepflegt. Und dafür gibt es tiefere Gagen. Die Solisten schätzen das persönliche Umfeld und sind daher auch bereit, über Gagen zu reden. Präsident Daniel Lehmann lädt zum Beispiel die Solisten nach dem Konzert auf sein Schiff ein. Bei Mondschein eine Runde auf dem See kann Begeisterung auslösen.

Die Murten Classics sind eine 80-Prozent-Anstellung. Was nimmt am meisten Zeit in Anspruch? Das Sponsoring ist schwierig geworden. Heute erwarten die Manager eine Gegenleistung. So haben wir das Modell «Hospitality» eingeführt, das ab 14 Personen gebucht werden kann. Inbegriffen ist der beste Platz im Konzert plus Apéro riche, Getränke und Nachspeise. Mit dem Sponsoring machen wir letztlich Kulturförderung.

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