Frankreichs Stimme ist verstummt

Die Franzosen sind untröstlich: Rockstar Johnny Hallyday, der den «Soundtrack der Nation» verkörperte, ist nach langer und bewegter Karriere im Alter von 74 Jahren gestorben.

Lungenkrebs: Frankreich trauert um Musikikone. Video: Tamedia/AFP

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Johnny, wie ihn seine Landsleute nannten, war wie die Baguette oder die Bistros: schlicht nicht wegzudenken aus Frankreich. 1958 war der junge Johnny Hallyday mit umgehängter Gitarre erstmals auf eine Bühne im verrufenen Pariser Pigalle-Viertel gestiegen – und noch 59 Jahre später, Anfang dieses Jahres, hatte er ausverkaufte Konzerte gegeben. Ganze Familien vom Enkel bis zu den Grosseltern pilgerten dahin.

Denn bei Johnny war immer etwas los auf der Bühne: Einmal fuhr er mit einer Harley Davidson auf die Bühne, dann wieder flog er vor 80'000 Zuschauern per Helikopter ins Stade de France, das er an fünf Abenden hintereinander problemlos füllte. Drei Stunden lang kämpfte er sich mit seiner Reibeisenstimme durch pathetische Rocksongs und hochgradig gefühlvolle Balladen, darunter Titel wie «Quelque chose de Tennessee», «Je t’aime» oder ­«Allumer le feu». Johnny, das war kein Blut, aber umso mehr Schweiss und Tränen.

Von Kind auf im Showbiz

Jean-Philippe Smet, wie er mit bürgerlichem Namen hiess, war als Sohn eines belgischen Variété-Künstlers und eines französischen Models zur Welt gekommen und verkehrte von Kind auf im Showbusiness. Er brachte den Rock ’n’ Roll nach Frankreich und wurde in Paris bald mit Elvis Presley verglichen.

Da er auf Französisch sang, blieb sein Erfolg weitgehend auf den entsprechenden Sprachraum beschränkt. Dort schlug «Johnny» aber umso mehr ein, und insofern war er ein Phänomen: Anders als Edith Piaf, Georges Brassens oder Charles Aznavour sang und gab sich der Pariser Rocker sehr amerikanisch. Was in Paris nicht immer gut ankommt, bildete die Grundlage von Hallydays Erfolg und grenzenloser Popularität.

Hallydays Leben wechselte zwischen Drogenexzessen und täglichem Fitnesstraining; dank Letzterem meisterte er die Bühnenstrapazen bis ins hohe Alter. Er war von 1965 bis 1980 mit der Chansonsängerin Sylvie Vartan verheiratet, von 1982 bis 1986 war er mit der Schauspielerin Nathalie Baye liiert. 1996 heiratete der 53-jährige das damals erst 21-jährige Mannequin Laetitia Boudou. Sie blieb bis zu seinem Tod die Frau seines Lebens, mit ihr adoptierte er zwei vietnamesische Kinder.

In seiner langen Karriere verkaufte Hallyday 110 Millionen Schallplatten und absolvierte sagenhafte 183 Tourneen; daneben betätigte er sich als Kino- und Krimischauspieler. Zur Jahrtausendwende sang die lebende Legende vor einer halben Million Zuschauer am Fusse des Eiffelturms. Eine erste Abschiedstournee musste er wegen Rückenproblemen 2009 abbrechen. Nachdem er in ein künstliches Koma versetzt worden war, stand der bald 70-jährige Schwerarbeiter schon ein Jahr später wieder auf der Bühne.

Die Franzosen himmelten ihn an, doch Hallyday klagte, sie zögen ihn «durch den Dreck»: Ein nicht restlos geklärter Vergewaltigungsvorwurf und vor allem sein Steuerexil in einem vierstöckigen Chalet in Gstaad sorgten für Negativschlagzeilen. In den letzten Jahren lebte er in Los Angeles, weit weg von Frankreich.

2015 erschien sein Album «De l’amour» ausgerechnet am Tag des schweren Attentats auf das Bataclan-Konzertlokal in Paris. «Johnny national» sang danach mit einer Trikolore am Mikrofon, während die Zuschauer von sich aus die Marseillaise anstimmten. Sonst mischte sich Hallyday, der persönliche Freund der ehemaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy, nicht in die Politik ein, obschon er als politisch rechts stehend galt. Noch in diesem Jahr absolvierte er mit seinen zwei jahrzehntelangen Kollegen Jacques Dutronc und Eddie Mitchell eine Tournee der «alten Halunken».

Sogar von Macron gewürdigt

Im März musste seine Frau Laetitia Meldungen über den Lungenkrebs ihres Mannes bestätigen. In der Nacht auf Mittwoch gab sie bekannt: «Johnny Hallyday ist gegangen. Ich schreibe diese Worte, ohne sie zu glauben.» Eine ganze Nation fühlt ihr nach. Die Pariser Medien berichteten am Mittwoch in Endlosschleife über das Unvorstellbare, nämlich ein Leben ohne ihren Johnny.

Künstler und Politiker bis hin zu Präsident Emmanuel Macron übertrumpften sich mit Hommagen an den Verstorbenen, er habe den «Soundtrack der Nation» oder gar «die Stimme Frankreichs» verkörpert. Vielenorts erscholl der Ruf nach einem Staatsbegräbnis. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.12.2017, 15:59 Uhr

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