«Fuck off, Akkordeon, ich bin einfach Musiker»

Er hat mehrere Film-Soundtracks komponiert, hat mit den Kummerbuben gespielt und zuletzt mit Stiller Has das Erfolgsalbum «Endosaurusrex» aufgenommen. Am Freitagabend spielt der Berner Akkordeon-Virtuose Mario Batkovic am Gurtenfestival.

Akkordeon-Virtuose Mario Batkovic tritt am Freitag um 23.15 - auf der Waldbühne auf.

Akkordeon-Virtuose Mario Batkovic tritt am Freitag um 23.15 - auf der Waldbühne auf.

(Bild: Stefan Anderegg)

Bei seinem Auftritt am diesjährigen Gurtenfestival will der Berner Musiker Mario Batkovic das Publikum mit einer Momentaufnahme überraschen. «Ich versuche an meinem Konzerten stets, Songs zu spielen, die in dieser Form noch nirgends aufgezeichnet worden sind.» Es sei seine Art, mit dem unaufhaltsamen Trend, alles aufnehmen und zugänglich machen zu müssen, umzugehen.

Wenn Mario Batkovic in den letzten Jahren etwas gelernt hat, dann das: «Hältst du Musik nicht fest, dann ist sie heutzutage nichts wert. Mehr noch, du als Musiker bist nichts wert», sagt er. Und hält sich selbst für ein gutes Beispiel: «Ich bin seit Jahren unterwegs, habe auch vor meinen ersten Aufnahmen viele Konzerte gespielt. Bloss gemerkt hat das kaum einer.»

Quelle: www.youtube.com/Mario Batkovic

Und wenn, dann wurde der Berner mit bosnischen Wurzeln gern als «der Jugo mit dem Handörgeli» gehandelt, für Balkanabende oder an Anlässe im Stile von «Silvester mit Mario» gebucht. Auch durch seine Zeit bei den Kummerbuben oder Ausflüge in den Rock'n'Roll ist er dieses Image nicht losgeworden. Noch vor fünf Jahren habe er eine mehrköpfige Band gründen müssen, damit er mal irgendwo ein zehnminütiges Solo nach seinem Gusto spielen konnte.

Und auf einmal ist alles anders. Mario Batkovic füllt als Solokünstler Konzertsäle in Deutschland, Holland oder Belgien, spielt an Festivals auf grossen Bühnen und Medien veröffentlichen Porträts über den Mann, der mit nichts anderem als seinem Akkordeon das Publikum verzaubert. Balkanmusik - spielt er «nur noch für die Familie».

Bern-Bristol-Connection

Richtig wahrgenommen fühlt sich der Musiker, seit 2016 sein Album «Batkovic Solo» erschienen ist. Nicht nur im positiven Sinne. «Es gab Leute, die haben es ausgelacht», so Batkovic. Doch als er durch seinen Manager Joe Volk, einen in Bern lebenden Musiker aus Bristol, in Kontakt mit Portishead-Musiker Geoff Barrow kam, der sich wiederum begeistert von ihm zeigte, bekam sein Sound gegen aussen eine andere Bedeutung.

Erst recht, nachdem Barrow Batkovics Album letzten März erneut bei seinem in Bristol ansässigen Label Invada Records veröffentlichte. «Du kannst verdammt gut sein, und die Leute erkennen es nicht», sagte Mario Batkovic. «Dann kennst du auf einmal jemanden, der jemanden kennt, der schon viel erreicht hat und dafür bekannt ist, und alle nehmen dich ernst. Das ist schön, aber auch schade.»

Trotzdem wäre es seiner Meinung nach blöd, die Entwicklungen im vergangenen Jahr nicht zu geniessen. Denn endlich ist der Druck weg, etwas beweisen oder erklären zu müssen. «Ich hatte es satt, meine Konzerte damit zu beginnen: Hallo, ich bin Mario Batkovic, komme aus Bosnien, bin aber eigentlich Kroate und lebe in der Schweiz - und das, das ist kein Handörgeli.»

Experimenteller Gurtenauftritt

Sein Werdegang vom Balkanmusiker zum Pop-Akkordeonisten hat wohl mit Glück, aber auch mit harter Arbeit zu tun. Doch letztlich geht es um pure Bestimmung. «Ich wäre in meiner Jugend gerne Krankenpfleger geworden, heute könnte ich mir auch ein Leben als Bauer vorstellen, doch ich muss Musik machen.

Gerne spricht er in diesem Zusammenhang von seinem «Radio im Kopf», den Melodien, die er ununterbrochen hört und am liebsten sofort für andere hörbar machen möchte. In seinem Kopf schwirre soviel Musik, dass er Angst habe, nicht lange genug zu leben, um alles spielen zu können.

Kaum hat Batkovic seinen Platz als Akkordeonspieler in der zeitgenössischen Musikszene gefunden, will er noch mehr von sich zeigen. «Fuck off, Akkordeon, ich bin Musiker», sagt er. «Gib mir etwas in die Hand und ich mache Sound damit.»

Am Gurtenfestival wird der Künstler, der für Filme wie etwa «Unser Garten Eden» oder «Die Schwalbe» von Mano Khalil den Soundtrack komponiert, zuletzt mit Stiller Has das Erfolgsalbum «Endosaurusrex» aufgenommen oder mit dem Berliner Kammerorchester Eigenkompositionen aufgeführt hat, genau das zeigen. «Ich will eine Bombe platzen lassen.» Und eben, nichts davon gibt's im Laden zu kaufen: «Entweder man ist dort, oder man verpasst es.»

tag/sda

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