Geschichten aus dem Abseits

Soundcheck

Der griechische Gitarrist Dimitris Mystakidis hat hundertjährige Lieder ausgegraben. Sie sind erstaunlich aktuell.

Bittersüsse Lieder: Griechischer Blues im Ono. Foto: gm

Bittersüsse Lieder: Griechischer Blues im Ono. Foto: gm

Giannis Mavris@MavrisGiannis

Ein Mann, eine Gitarre. Das ist eigentlich schon mal falsch. Denn gemäss der reinen Lehre ist die Gitarre bei den Liedern des Rembetiko lediglich ein Begleitinstrument, sie kann also nicht im Zentrum stehen. Eigentlich.

Dimitris Mystakidis zeigte jedoch am Dienstagabend im Ono, dass das durchaus geht. Nämlich mit einer Portion Virtuosität am Griffbrett und einer hypnotischen Stimme. Dazu das passenden Repertoire an griechischen Rembetiko-Liedern, die vor einem Jahrhundert in den USA aufgenommen wurden.

Diese wurden unüblicherweise für Gitarren geschrieben, mit einer Zupftechnik, die die Griechen «tsimbiti» («gezupft») nannten – die hatten sie den afroamerikanischen Bluesmusikern abgeschaut.

Interessanterweise sind die amerikanischen Aufnahmen älter als diejenigen aus Griechenland und dem Osmanischen Reich, wo das Rembetiko zwar entstand, wo aber noch keine Aufnahmemöglichkeiten bestanden. Deren Thematik war geprägt von der Existenz am Rand der Gesellschaft: Alkohol, Drogen und Kriminalität, aber auch Herzschmerz, Trennung und Entwurzelung.

Das Rembetiko wird deshalb gemeinhin als der griechische Blues bezeichnet. Ob die Analogie passt, sei dahingestellt. Im Fall von Mystakidis ist sie natürlich naheliegend.

Am Konzert, das von Videoausschnitten begleitet wurde, beschränkte sich Mystakidis auf diese Stücke, die er in seinem Album «Amerika» veröffentlicht hat. Es sind nicht die bekanntesten Lieder des Genres, aber vom Inhalt und von der Entstehungsgeschichte her dennoch sehr repräsentative.

Die Reise in die Fremde, die Schwierigkeiten der Anpassung, Sehnsüchte und Hoffnungen: Emigration war damals nicht fundamental anders als heute, wo wieder Hunderttausende Griechen ihrer angeschlagenen Heimat den Rücken gekehrt haben, um ihr Glück anderswo zu suchen. Begleitet wurde er von Ifigeneia Ioannou, deren Stimme einen angenehmen Kontrast bildete und das bittersüsse Element der Lieder unterstrich.

Trotz dem bescheidenen Auftreten: Mystakidis ist nicht irgendwer. Der Multiinstrumentalist hat mit fast allen namhaften zeitgenössischen Musikern in Griechenland gearbeitet, spielt auf unzähligen Veröffentlichungen, unterrichtet und hat Lehrbücher für Saiteninstrumente herausgebracht. Daneben forscht er zur Geschichte des Rembetiko, woraus bereits mehrere Alben entstanden sind.

Dass die Gitarre heute in Griechenland bei Rembetiko-Konzerten als Hauptinstrument eingesetzt wird, ist zum Teil Mystakidis’ Verdienst. Auch wenn es sich ja eigentlich nicht geziemt.

In der Rubrik «Soundcheck»berichten wir regelmässig über Beobachtungen und Phänomene aus der hiesigen Musikszene.

Berner Zeitung

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