Glamour aus der Hauptstadt-Garage

Bern ist das heimliche Zentrum der internationalen Garagenrockszene. Und das Trio The Jackets mit seinem neuen Album «Queen of the Pill» einer seiner besten Exportartikel.

Jacqueline «Jackie» Brutsche ist eine Wucht.

Jacqueline «Jackie» Brutsche ist eine Wucht.

(Bild: PD)

Kaum eine alternative Musik- szene ist international so gut vernetzt wie diejenige des Garagenrocks und der Trashkultur. Die Gitarrianer aller Länder haben sich längst vereinigt und treffen sich in Liebhaberclubs von Rio bis Moskau und von Berlin bis Thessaloniki, wo sie schamlos dem Kult des ungezähmten Rock ’n’ Roll frönen.

Die heimliche Hauptstadt der Garageninternationale ist Bern. Ausgerechnet Bern, die ruhige Beamtenstadt in der sauberen Schweiz. Aber wie so oft stimmt das Klischee nur halb. Kaum eine europäische Stadt verkraftet ein so pulsierendes und polarisierendes Kulturzentrum wie die Reitschule, und keine Stadt ausser Bern hat Beat «Beat-Man» Zeller, der langsam, aber sicher zum Hohepriester der einschlägigen Szene geworden ist.

Es fehlt nur noch der eigentlich längst überfällige Filmauftritt von Beat-Man in einem Jim-Jarmusch-Film, spätestens dann müsste Bern Tourismus dem Reverend das Verdienstkreuz an die Brust heften. Auf Beat-Mans Plattenlabel Voodoo Rhythm trifft man mittlerweile die Besten des Genres, ob sie nun aus Buenos Aires oder aus dem Wallis kommen.

«Die wildeste Frau Europas»

Eines der kräftigsten Zugpferde von Voodoo Rhythm Records ist die von Bern aus operierende Band The Jackets rund um die Sängerin, Gitarristin, Schauspielerin und Künstlerin Jacqueline «Jackie» Brutsche. Als Performerin ist «die wildeste Frau Europas» (Werbeclaim des Labels) eine Wucht, ob sie nun als mit Zähnen bewaffnete Vagina mit ihrem Duo The Sex Organs auftritt oder an den Jackets-Gigs in die Menge hechtet und sich vom Publikum auf Händen tragen lässt.

Mag sein, dass der Jackets-Sound «Rau wie die Sau» ist (nochmals ein Zitat aus dem Promotext), doch Jackie Brutsche hat durchaus eine künstlerische Vision: Früher trat sie (Bühnenname: Jack Torera) mit aufgeklebtem Schnauzbart auf, nun ist immerhin noch die zackige Augenschminke geblieben, die von fern an Kiss erinnert.

Auch auf dem neuen Jackets-Album «Queen of the Pill» dominiert die Torera mit ihrem schweren, bis zum Anschlag verzerrten Gitarrensound und einer dunklen, androgynen Stimme, die bisweilen an diejenige von Grace Slick (von der 60er-Psychedelic-Band Jefferson Airplane) erinnert.

Keine One-Woman-Show

Doch The Jackets sind keine One-Woman-Show: Schlagzeuger Chris Rosales spielt geradlinig, aber adrenalingeladen, nie gönnt er der Band eine Verschnaufpause. Sam Schmidiger mag der Unauffälligste im Dreierbund sein, doch ohne seine Bassläufe würden The Jackets nur halb so nachhaltig wummern.

In zahllosen Liveshows hat das Trio seinen eigenen Sound gefunden, eine Art glamourösen Garagenrock, hochenergetisch und euphorisierend, mit Einflüssen aus Hardrock, Punk und Psychedelic. Die Wurzeln liegen klar in den Sixties, doch bei den Jackets treibt der Retrosound neue Blüten. Auf Platte ist die Live-ausstrahlung der Band kaum zu reproduzieren. Das haben The Jackets begriffen und halten Studio und Konzertbühne auseinander.

Diesmal sind sie dem perfekten Garage-Album wieder etwas nähergekommen. Schliesslich konnten sie auf die Freunde der Garage-Community zählen: An den Aufnahmereglern sass Nene Beretta, produziert wurde das Album vom kanadischen Garage-Produzenten King Khan, für das Finish sorgte der US-Amerikaner Jim Diamond, den man von den White Stripes her kennt.

Kein Wunder, dass der Sound stimmt. Mit dem Single-Track «Steam Queen» und dem wavigen «Losers Lullaby» finden sich auch ein paar richtig gute Songs auf dem Album. Was hier aber vor allem zählt, ist die Attitüde, und da braucht das Trio keine Vergleiche zu scheuen. Am Donnerstag taufen The Jackets ihr Album in der Rössli-Bar. Und bald sind sie in Europa unterwegs.

Vinyl/CD: The Jackets: «Queen of the Pill», Voodoo Rhythm. Albumtaufe: 6. Juni, Rössli-Bar, 21 Uhr.

Berner Zeitung

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