Goddam, California!

Lana Del Rey veröffentlicht mit «Norman Fucking Rockwell!» ihr bislang bestes Album. Doch wie hält sies mit der politischen Aktualität?

Sucht nach einer eigenen US-Version: Lana Del Rey. Foto: PD

Sucht nach einer eigenen US-Version: Lana Del Rey. Foto: PD

Sie reist auf einer malerischen Fahrt durchs Land, von San Francisco nach Fresno, wo sie sich Sorgen um die Sicherheit der Kinder macht, die tagsüber im Park spielen. Sie wechselt die Küste, fliegt rüber nach New York, nimmt den Zug, der sie zum Wintersportort Lake Placid führt. Also dorthin, wo sie als Elizabeth Grant aufgewachsen ist. Warum Lana Del Rey diese Reise durch Amerika unternimmt? Nun, sie sucht noch immer nach ihrer eigenen Version der USA, einer, in der es keine Waffen mehr gibt. Aber sie weiss selber: Das ist nur ein utopischer Traum, den sie da im Song «Looking for America» in ihrem Kopf hat.

Dieser unmaskierte Song über eine letztlich sinnlose, weil ernüchternde Reise durch ihr Heimatland fehlt nun auf Lana Del Reys neuem Album «Norman Fucking Rockwell!». Die 34-Jährige hat ihn unter dem Eindruck der jüngsten Schiessereien von El Paso und Dayton geschrieben und aufgenommen; die Arbeiten an ihrem fünften Album waren da bereits abgeschlossen.

Was eigentlich schade ist. Denn so viel explizite Gegenwart überraschte bei einer Musikerin, die das Hier und Jetzt nur selten in ihrem Programm gehabt hat. Lieber zeichnete sie mit ihrem Pop ein mythisches, traumhaftes Amerika – also so, wie dies der titelgebende US-Idyllenmaler Norman Rockwell zeitlebens auch gemacht hat.

Bei Lana Del Rey verengte sich dieses Amerika zu einem Zerrbild Kaliforniens mit all den popkulturellen Vignetten, die vom verblassten Glamour Hollywoods zeugen. Die berühmten Strände und die Villenpools von Los Angeles waren immer nah, das Sonnenlicht strahlte aber nie grell, sondern schimmerte im Ton von melancholischen, endlosen Sommerabenden. Und wer noch nicht sediert war vom Tag am Meer, der wurde es beim Hören dieser blütenweissen American-Dream-Fantasien.

Der Strand, der Sex, die traurig wirkenden Partys der Rich Kids, die leicht morbide Atmosphäre, all das fehlt auch auf «Norman Fucking Rockwell!» nicht. Aber es hat sich dann doch etwas geändert bei Lana Del Rey. Das liegt nicht an den schwelgerischen Streichern, mit denen das Album anhebt, sondern an einer neuen Präsenz und Verbindlichkeit, mit der sie singt. «Goddam, man-child!», raunt sie da gleich zu Beginn. Und wer meint, es folge nun die ganz grosse Abrechnung mit der Männerwelt in Zeiten von #MeToo und der Gesellschaft oder der Trump-Präsidentschaft, muss enttäuscht werden. Denn Lana Del Rey münzt dieses «goddam» bloss auf einen Typen um, der sie eben derart gut gefickt hat, dass sie beinahe die Worte «I love you» über die Lippen bringt.

Sie gibt sich im Laufe des Albums auch anderen Männern hin, etwa dann, wenn sie als «Venice Bitch» auftritt. Und sich die Sexfantasie bis ins Unendliche und Psychedelische weitet und der Song mit knapp zehn Minuten Spieldauer so lang wird, dass er jegliche Hitkonventionen der Streaminggeneration verspottet (die Single wurde dennoch millionenfach gestreamt).

Genau wegen dieser formlos dahinfliessenden Momente könnte das Album ebenso gut «Once Upon a Time... in Hollywood» heissen, weil man immer wieder auch an Quentin Tarantinos Nostalgieübung denken muss. Auch, weil sich das Personal nicht so gross unterscheidet, beispielsweise dann, wenn Lana Del Rey im besten Song «The Greatest» den längst toten Beach Boy Dennis Wilson besingt, der mit dem Mörderguru Charles Manson verbandelt war.

Überhaupt dieses verflucht schöne und verfluchte Kalifornien der späten Sechziger und frühen Siebziger: Es scheint fast in jedem der neuen Songs durch. Lana Del Rey hat das Album mit dem in diesen Tagen unvermeidlichen Star- und Taylor-Swift-Produzenten Jack Antonoff geschrieben und überraschend fein instrumentiert eingespielt. Da tauchen die Folkies auf, die sich damals im Laurel Canyon verkrochen haben. Die Zitatenmaschine Del Rey zitiert auch California-Dreaming-Hippieseligkeiten von Bands wie den Mamas & Papas, nennt Crosby, Stills & Nash und vermisst die Tage des Rock ’n’ Roll. Beats? Gibts nur im Cover «Doin’ Time», einem einstigen Sommerhit der kalifornischen Band Sublime.

Lana Del Rey weiss aber, dass wir mittlerweile das Jahr 2019 schreiben. So treten nicht nur die Gespenster aus der Vergangenheit auf; sie verabschiedet sich auch sehr unnostalgisch und auf fantastisch beiläufige Art vom Neo-Jesus-Freak und Trump-Anhänger Kanye West mit dem Satz, er sei «blond and gone».

Das muss aber schon fast reichen als Statement, aber es reicht ja auch, weil das schon sehr viel ist bei einer, der stets einfache Kulissenschieberei vorgeworfen wurde. Und die so oft als Retortenprodukt der Musikindustrie etikettiert wurde, seit sie vor sieben Jahren mit ihrem übercoolen Song «Video Games» im Internet aufgetaucht ist.

Es wirkt auf «Norman Fucking Rockwell!» zuweilen auch so, dass bei dieser Sängerin etwas ins Brennen geraten ist. Nicht nur beim Fluch ganz zu Beginn, sondern auch in «Hope Is a Dangerous Thing for a Woman Like Me to Love», ihrem Versuch einer Feminismushymne. Vielleicht ist es aber auch nur der kalifornische Wald, der auf dem Coverbild im Hintergrund in Flammen steht, während Lana Del Rey mit Jack Nicholsons Enkel lossegelt. Gut möglich, dass sie auf hoher See – mit mehr Distanz zum Festland – eine weitere Version Amerikas findet.


Lana Del Rey: Norman Fucking Rockwell! (Polydor/Universal)

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