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Grönemeyer hat im Hallenstadion alles gegeben

Die Band kann nicht ganz mithalten, der Gesang ist teilweise zweifelhaft. Aber Herbert Grönemeyer machte die Konzertbesucher glücklich.

Er wendet seine Worte und Beobachtungen direkt an den Zuhörer: Herbert Grönemeyer 2019 in Kiel. Foto: Carsten Rehder (Keystone)
Er wendet seine Worte und Beobachtungen direkt an den Zuhörer: Herbert Grönemeyer 2019 in Kiel. Foto: Carsten Rehder (Keystone)

Der Auftakt zu den Tumulten geht einher mit einem Versprechen: «Wir geben alles, damit das ein schöner Abend wird», ruft Herbert Grönemeyer zu Beginn seines merk- und denkwürdigen Auftritts euphorisch durchs praktisch ausverkaufte Hallenstadion. Und weil es eine Eigenart der Bochumer ist, stets ziemlich genau das zu tun, was sie zuvor ankündigen, wird das Publikum in den folgenden drei Stunden Zeuge des fast schon absurden Efforts eines 62-Jährigen, seinem Auditorium einen Abend des schieren Glücks zu bescheren.

Und weil es eine besondere Eigenart des Glücks ist, sich sowohl im Stillen wie im Lauten entfalten zu können, wird also die ganz grosse Gefühlsklaviatur bedient. Schweiss vermischt sich hier bald mit Tränen, Konfetti- mit Feuerzeugromantik. Der musikalische Massnahmenkatalog reicht von der bitterzarten Liebesballade über den Pomp-Rock der sehr alten Schule bis zur eher unbefriedigenden Fussball-Mitgrölhymne. Altes aus dem 40-jährigen Back-Katalog und Neues von seinem aktuellen Album «Tumult» werden dramaturgisch geschickt verschränkt.

Er tänzelt und juchzt

Doch die Königsdisziplin des Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer ist die Nachdenkpose, das feierlich-musikalische Sinnieren über die schiere Daseinsgnade («Mensch», «Stück vom Himmel», «Sekundenglück»). Kaum ein anderer Sänger hat sich in den letzten Jahren damit derart tief im Gefühlshaushalt der Deutschen eingenistet, sei es als Tröster der Nation – oder ganz einfach als Hochhalter des gesunden Menschenverstands. Sein bewährter Trick: Er dichtet nicht in der Ich-, sondern in der Du-Form, wendet seine Worte und Beobachtungen direkt an den Zuhörer und bietet ihm damit gleichzeitig das Du und ein Wir-Gefühl an.

Und der Mann gibt alles an diesem Abend. Immer wieder hastet er tänzelnd von einer Ecke seiner geräumigen Bühne in die andere, immer wieder schüttelt es ihn förmlich vor Glück, und immer wieder entfleuchen ihm unkontrollierte Juchzer ob der auffälligen Begeisterungsfähigkeit des Publikums. Wäre in diesem Stadion öfters eine solche Leistungsbereitschaft zu konstatieren gewesen, der ZSC hätte die Playoffs sicherlich nicht verpasst.

Was dieser sympathische, selbstironische, leidenschaftliche Mensch an tiefgründigem Entertainment bietet, überstrahlt alle Vorbehalte.

Natürlich könnte man hier jetzt Vorbehalte auftischen, könnte die etwas altbackene Deutschrockigkeit beklagen, die sich hier immer wieder breitmacht. Man könnte die lange Zeit nebulöse Abmischung der (mit zunehmender Konzertdauer an Charakter zulegenden) Band beanstanden. Man könnte über das recht durchschaubare Strickmuster dieser Lieder reden, die mit deutscher Zuverlässigkeit in öffnende Mitsing-Refrains münden. Man könnte die Stimme erwähnen, die in den rockigen Passagen recht unschön gurgelt, und in den gefühligen Momenten klingt wie der Wehruf eines Mannes, dem gerade eine Quetschverletzung zugefügt wird (eine Stimme aber, die neuerdings durchaus auch Spurenelemente von teutonischem Soul aufweist). Oder man könnte die ungeniessbaren Saxofonsoli mit dem penetranten Chorus-Effekt diskutieren. Ja, man könnte gewiss ein paar Abzüge in der B-Note für den künstlerischen Ausdruck vornehmen, doch das würde diesem «schönen Abend» in keiner Weise gerecht werden.

Was dieser sympathische, selbstironische, leidenschaftliche Mensch an tiefgründigem Entertainment bietet, überstrahlt alle Vorbehalte. Und welcher Popstar nimmt sich heute noch die Mühe, sein Publikum zu mahnen, keinen Millimeter nach rechts zu rücken und den grassierenden Populismus zu entlarven? Grönemeyer tut es. Eindringlich, nicht beiläufig. Das «Time»-Magazin hat ihn 2005 zu einem von 37 Leuten gewählt, «who are changing the world for the better». An diesem umjubelten Abend hat er diese Mission auf lokaler Ebene wieder einmal erfüllt.

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