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Guru oder Grübler?

Der Dichter und Rapper Jürg Halter hat eine neue Band: Schule der Unruhe. Geschickt verbindet sie Jazz mit Lyrik. Man lauscht, staunt, frohlockt – und nervt sich hin und wieder ein bisschen.

Sei umschlungen, Musiker: Jürg Halter thront über seiner neuen Band Schule der Unruhe (Julian Sartorius, Philipp Schaufelberger, Vera Kappeler).
Sei umschlungen, Musiker: Jürg Halter thront über seiner neuen Band Schule der Unruhe (Julian Sartorius, Philipp Schaufelberger, Vera Kappeler).
zvg

«Ich bin voller Unruhe. Meine Gedanken kreisen ständig. Ich bin getrieben und mache niemals Pause.» Jürg Halter spricht langsam, sehr langsam, mit belegter, schleppender Stimme. «Ferien könnte ich nur machen, wenn mich jemand dazu zwingen würde.» Wie auf der Bühne ist sein Tonfall auch im persönlichen Gespräch meist monoton.

Unruhe? Getriebensein? Auf den ersten Blick passen solche Attribute nicht zum bebrillten 30-Jährigen mit dem ernsten, stechenden Blick, der manchmal aber auch schaut wie ein zerknautschter Welpe, den man an einer Tankstelle stehen gelassen hat. Doch Jürg Halter ist ein schlauer Hund, einer, der mit den Erwartungen spielt, die er selbst provoziert.

Fliegendes geerdet

Jürg Halter ist in keine Schublade zu stecken. Auch das Album «La Bombe» seiner neuen Band Schule der Unruhe passt nirgendwo hinein. Verjazzte Gedichte. Fliegende Gedanken, geerdet durch Musik. Rhythmisch gesprochen, gehaucht, gepresst. Oder in Zeitlupentempo gerappt. Alles in Hochdeutsch. Mit «Spoken Word Songs» etikettiert es Jürg Halter, den Widerspruch zelebrierend. Manchmal bleiben Vera Kappeler (Klavier), Julian Sartorius (Schlagzeug) und Philipp Schaufelberger (Gitarre) im Hintergrund, manchmal übernehmen sie die Regie: etwa im «Schweizerpsalm», einem Abgesang in Aufzählform. Hier ist es die Musik, die mit schwirrenden Pianoschlaufen und schleppendem Schlagzeug für Dringlichkeit sorgt.

Die Texte von Jürg Halter oszillieren zwischen Anklage, Selbstironie und Verzweiflung, manchmal in übersteigert egozentrischer Pose. Dann passt der Inhalt zum Foto im Booklet: Jürg Halter thront wie ein Guru über dem Musikervolk, streicht der Pianistin Vera Kappeler übers Haar, führt Julian Sartorius an der Hand. Kaum will man sich ärgern über die Symbolik dieses Bildes, zeigt sich plötzlich ein anderer Halter: kein Guru mehr, sondern ein Grübler. «Mir war schon als Kind bewusst, dass ich ein unbedeutend kleiner Punkt im Universum bin», erzählt der Dichter, dessen Gedanken oft um existenzielle Fragen kreisen. Lieber bezeichnet er sich als Bewohner dieses Planeten denn als Berner. Was ihn an seiner Stadt stört, formuliert er am deutlichsten im «Brief an Kaiserin Elisabeth»: «Die Stadt, in der ich lebe, ist klein, träge, selbstgenügsam und unaufmerksam. Liegt es an mir? Ja, bestimmt.» Und jetzt wirkt er traurig.

Unschönes ausformuliert

«Ich war nie einer, der es einfach nur schön haben will», erzählt er. «Ich muss vorwärtskommen, etwas tun.» Sei es dichten als Jürg Halter oder rappen als Kutti MC. Diese Rollen sind nach aussen klar getrennt, nach innen eng verbunden durch Sprache. «Sie ist mein Medium, meine Rollen sind meine verschiedenen Ausdrucksformen. Gegen aussen muss ich sie klar trennen. Dann wissen die Leute besser, was sie wann erwartet. Und mir hilft es, meine Kunst zu überblicken.»

Lebendiges konserviert

Für wen ist denn «La Bombe» gedacht? Wer soll sich die musikalischen Gedichte oder lyrischen Songs anhören? «Solche Gedanken mache ich mir nicht», sagt Halter. «Wenn ich Freude daran habe, weiss ich, wird es auch ein Publikum dafür geben.»

Freude? Mal nervt Halters larmoyanter Tonfall mitsamt der penetrant schweizerischen Aussprache, dann wieder ist man hingerissen von der Geschliffenheit der Formulierungen, vom vorwärtstreibenden Beat, von dieser Band, die präzise und einnehmend begleitet. Denn immer dann, wenn die Band mehr als Staffage ist, hat das Album seine stärksten Momente. Bewundernd lauscht man diesem skurrilen Projekt, das für die Bühne prädestiniert ist und trotzdem versucht, die Liveatmosphäre zu konservieren. Doch gerade diese fehlt dem Album, trotz Liveaufnahmetechnik. Gerne sähe man Halters Gesichtsausdruck, wenn er «nicht mehr verhandeln will», wie er im «Neuen Protestlied» verkündet. Wenn er die «Bombe» zückt. Sie mit Worten scharf macht. Und sie dann doch nicht platzen lässt.

CD: Schule der Unruhe, «La Bombe», Traumton Rec./MV. Erscheint am Freitag. Konzert in Bern: So, 10.10., 20.30 Uhr, Progr.

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