Herzlich, Dein Nick

Nick Cave beantwortet die Fragen seiner Fans. Schriftlich und auf der Bühne.

Der australische Musiker Nick Cave beantwortet fleissig seine Fanpost. Foto: PD

Der australische Musiker Nick Cave beantwortet fleissig seine Fanpost. Foto: PD

David Hesse@HesseTA

Er beantworte keine Fanpost, nie, sagte Züri-West-Sänger Kuno Lauener einst dem «Magazin». «Ich kann nicht hinhocken und irgendwelchen Leuten das Gefühl geben, ich gehörte zu ihrem Leben.» Eine harte, aber nachvollziehbare Position. Der aus Australien stammende Sänger und Songschreiber Nick Cave will eine Rolle spielen. Seit einigen Monaten gibt er öffentlich Antwort auf die Fragen seiner Fans – auf seiner Website «The Red Hand Files». «Ihr dürft mich alles fragen. Es bleibt zwischen uns.»

Seine Antworten sind lesenswert. Und im Ton sehr anders als vieles im Internet: feinfühlig, höflich, überlegt, warmherzig. Eine Jenn aus Boston fragt nach Caves Beziehung zu Tieren. Cave schreibt ihr, es lebten zwei Hunde in seinem Haushalt: «Ein sanfter, dösiger Hund mit traurigen Augen und Krebs namens Otis sowie ein psychotischer kleiner Dackel namens Nosferatu.» Er liebe diese Hunde sehr und sicher mehr als sie ihn. Cave schreibt über Schreibstau, über die Frauen in seinen Liedern, und er tröstet immer wieder Einsame, ­Ängstliche, Verzweifelte und Ausgeschlossene, und sei es nur mit einem Rat seiner 92-jährigen Mutter: «Head high and fuck ’em all», etwa: Kinn hoch und scheiss auf alle.

Alles ist erlaubt

Manche seiner Antworten bewegen. Eine Cynthia aus Vermont fragt, ob Nick und seine Frau Susie das Gefühl hätten, sie könnten mit ihrem verstorbenen Sohn kommunizieren. Der 15-jährige Sohn des Paars war im Sommer 2014 in Südengland von einer Klippe in den Tod gestürzt. Caves Antwort an den unbekannten Fan: «Mir scheint, wenn wir lieben, dann trauern wir. Das ist der Deal. Das ist der Pakt. Trauer und Liebe sind auf ewig verflochten. Trauer erinnert uns furchtbar an die Tiefe unserer Liebe.» Cave schreibt, dass er die Stimme seines Sohnes immer wieder im Kopf zu hören meine, dass der Sohn seiner Frau im Traum erscheine. Ob der Bub wirklich da sei, irgendwo, das wisse er nicht. Trauer beschwöre «Phantome» herauf. Doch er sei dafür, mit diesen Geistern zu reden. «Denn die Geister stehen für Möglichkeiten.»

Nick Cave ist 61 Jahre alt. Er begann 1980 mit der irren Goth-Punk-Junkie-Band The Birthday Party und wird seither eigentlich nur immer noch besser. Seine Songs sind lyrisch, dunkel, intensiv, heute füllt er grosse Säle und Opernhäuser damit. Cave ist ein Bühnentier, sucht immer Intimität, fasst sein Publikum an, holt es zu sich auf die Bühne. Nun will er noch mehr. Die laufende Tour heisst «Conversations with Nick Cave». Cave sitzt am Flügel, nimmt Fragen aus dem ­Publikum entgegen. Alles ist erlaubt.

Die Tour führte ihn jüngst nach Wangaratta, Australien, die Kleinstadt, in der er aufgewachsen ist. Eine Jenny fragt online, wie Cave die Heimkehr erlebt habe. Er habe sich gefreut, schreibt Cave, dass die Leute ihm freundlich begegnet seien, «überhaupt nicht nachtragend wegen einiger unglücklicher Dinge, die ich in der Vergangenheit über Wangaratta gesagt hatte». Im Gegenzug will Cave der örtlichen Kirche Geld stiften für die Reparatur einer geköpften Jesusstatue. Wir sind mitten in einem Nick-Cave-Song, emotional, düster, nicht völlig ernst. Der Auftritt, liebe Jenny, habe sich gut angefühlt. «Wiederherstellend, wie die Vollendung eines Kreises.» With love, Nick.

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