Im Donnerwetter vereint

Metallica haben ihren Auftritt im Zürcher Letzigrund äusserst rabiat gestaltet. Und damit den einen oder anderen Kuschelrock-Fan in die Flucht geschlagen. Schön wars.

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Ane Hebeisen

Es rumpelt jetzt zünftig im nicht ganz ausverkauften Letzigrundstadion. Rhythmisch nachzuvollziehen ist das Stakkato aufgrund der ungünstigen akustischen Disposition der Stätte kaum. Der rabaukige Hochgeschwindigkeits-Beat wird von seinem eigenen Echo erschlagen, das von der Südkurve zurück ins Rund katapultiert wird.

Und so stellt sich schon beim Eröffnungsstück «Hardwired» erstmals die Grundsatzfrage: Eignet sich diese Band wirklich für die Disziplin des Stadionrocks, wenn sich die Trommeln von Lars Ulrich im Geschwindigkeitsrausch selber auslöschen, und wenn da praktisch nichts ist, was sich im weiten Oval zur Hymnik verdichten könnte? Die Antwort fällt – wie so oft bei Metallica – nicht eindeutig aus. Sie könnte lauten: Metallica sind eigentlich viel zu wertvoll für diesen flüchtigen Zirkus.

«Ein schöner Tag»

Doch die Zahlen stimmen: Seit Februar 2016 läuft die «Worldwired»-Tour, die pro Abend 1 bis 6 Millionen Dollar in die Kasse spült. Weit über 100 Konzerte sind schon gespielt, man befindet sich auf dem letzten Ausläufer der im November endenden Konzertreihe. Da müsste sich eigentlich ein gerüttelt Mass an Routine, Entkräftung und Wohlstands-Schlendrian ins Bandgefüge eingeschlichen haben, könnte man meinen. Doch davon ist am Freitagabend nichts zu spüren.

James Hetfield und seine Mannen freuen sich merklich, die wiedergefundene Lust am Spröden zur Schau zu stellen, einen borstigen Song wie «Master of Puppets» zu einem vertrackten Zwölfminüter zu dehnen, oder mit dem monumental erschütternden «Creeping Death» den Himmel kurzerhand zum Weinen zu bringen.

Monumental erschütternd: «Creeping Death». Video: MetallicaTV

Zwischen diesen Ruppigkeiten gibt sich der Mann am Frontmikrofon jederzeit freundlich und prächtig gelaunt. Er sagt Dinge wie: «Es ist ein schöner Tag und wir sind hier um Musik zu spielen (…) Ich sehe euch Lächeln. Das ist schön und bringt auch mich zum Lächeln.» Er erkundigt sich nach dem körperlichen Wohlbefinden der pogotanzenden Zuhörerschaft, und er spricht sein Auditorium nicht wie ehedem mit «Motherfuckers», sondern mit «Family» an.

Hymnik des Zersetzenden

Es ist ja an Konzerten heutzutage ein bisschen wie auf der Landsgemeinde: Wenn das Publikum einverstanden ist mit dem Gebotenen, werden die Hände (mit den entsprechenden Aufzeichnungsgerätschaften) in die Höhe gestreckt. Am Konzert von Metallica wird das absolute Mehr jeweils dann erreicht, wenn die Band Lieder von ihrem Bestseller aus dem Jahr 1991 darbringt, dem zutraulichen schwarzen Album.

Doch jener Teil des Publikums, der Metallica einzig von den Auskopplungen dieser Zeit schätzt oder gar von einschlägigen Kuschelrock-Zusammenstellungen, gerät im Letzigrund eher selten in Petting-Stimmung. Den Amerikanern gefällt es nämlich, mehrheitlich, in jenen Registern ihres Songkatalogs zu blättern, die in den Jahren entstanden sind, als sie es noch nicht so mit der Nachdenklichkeit und der Harmonielehre hatten. Und so ist das Stadion-Zusammengehörigkeitsgefühl, das Metallica hier evoziert, ein Vereinigtsein im Donnerwetter, und der Soundtrack dazu eine Hymnik des Zersetzenden.

Konzentration auf das Frühwerk: «Disposable Heroes», hier in einem aktuellen Tour-Auftritt. Video: MetallicaTV

Wenn dann doch zwischenzeitlich ein feierlicher Moment entsteht, zum Beispiel, wenn der einst von Marianne Faithfull eingesungene Refrain zu «Memory Remains» vom etwa 45'000-köpfigen Letzigrund-Chor übernommen wird, knüppelt die erfolgreichste Metalband der Welt diesen Zauber spornstreichs kraft des rabiaten Frühwerks «Disposable Heroes» wieder nieder. Und auf das epische «Sad But True» folgt eine etwas ungelenke, aber sympathische Ehrerbietung an die Zürcher Thrash-Metal-Pioniere Celtic Frost, die das Publikum leicht ratlos zurücklässt.

Foltern und heiraten

Doch scharfe Kontraste sind bei Metallica Programm: In den 38 Jahren ihres Bestehens wurde zur Musik dieser Band geheiratet, gefoltert, gekuschelt, aufbegehrt oder beerdigt. Sie kann daher getrost als multifunktional bezeichnet werden, auch wenn im Letzigrund das Handlungsspektrum etwas kleiner ist: Hier wird abwechselnd kopfgenickt, die Faust in die Luft gereckt, in Ohnmacht gefallen, Pogo getanzt oder gestaunt – einige Wenige ergreifen auch die Flucht.

Doch irgendwie schafft es die Band auch an diesem erfreulich grantigen Konzertabend, ein Mass an Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung heraufzubeschwören, auf das sich offenbar der demografische Querschnitt einer beliebigen helvetischen Fussgängerzone einigen kann (mit leicht vermindertem Frauenanteil und der fast gänzlichen Abwesenheit einer U-21-Abteilung). Dass zu einem Song wie «Seek and Destroy» dann tatsächlich mittleres Kader, Metal-Headbanger und Swisscom-Sekretärinnen nebeneinander ausflippen, ist gleichermassen grossartig wie erstaunlich. So ist das eben doch menschenvereinender Stadionrock, was Metallica hier bietet. Stadionrock der erquicklichsten, weil nie anbiedernden Sorte.

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