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«Jailhouse Rock» auf Schädelbruch

Was Tante Olgas Röntgenbilder mit Elvis zu tun haben und warum die erste Flexi-Picture-Disc aus der Sowjetunion kam.

Über Hipster kann man vieles sagen, nur nicht, dass sie neu und trendy sind. Es gab sie schon in den Fünfzigerjahren, notabene in der Sowjetunion. Mit den tätowierten Bartträgern auf Fixie-Velos von heute hatten die Stilyagi (zu Deutsch: Stiljäger) freilich wenig gemein: Sie waren nämlich ausgesprochen mutig und kreativ. Und sie liebten das Verbotene. Westliche Musik zum Beispiel. Jazz, Boogie und Rock 'n' Roll. Doch die wenigen Chuck-Berry- und Duke-Ellington-Alben, die es durch den Eisernen Vorhang geschafft hatten, liessen sich ohne Kassettenrekorder nicht so einfach kopieren, und wer nicht in Grenznähe wohnte und ein Radiogerät besass, hatte kaum Chancen, diese neuen Klänge und harten Rhythmen zu hören. Doch die klugen Köpfe fanden für ihr Problem eine Lösung. Und die klingt wie die Räubergeschichte eines Altpunks: Da Vinyl zu selten und zu teuer war, verwendeten die Sowjet-Hipster Röntgenbilder aus Krankenhausabfällen als Tonträger. Die Ränder schnitten sie mit einer Nagelschere zurecht, und zum Schluss wurde mit einer Zigarette ein Loch in die Mitte gebrannt.

Und so kam es, dass der Rock 'n' Roll in der UdSSR hauptsächlich auf Scans von Tante Olgas Rippen und Onkel Wladimirs Unterkiefer verbreitet wurde. Bone Music nannte man diese aus der Not entstandenen Pressungen, deren Herstellung ab 1958 vom Regime offiziell verboten und verfolgt wurde. Ein Jahr später flog der grösste Bone-Music-Vertrieb auf, und die Verantwortlichen landeten im Gefängnis, worauf die Produktion dieser einmaligen und vermutlich weltweit ersten Flexi-Picture-Discs weitgehend zum Erliegen kam.

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