«Jeder Mensch trägt Musik in sich»

Pierre Favre gilt als einer der besten Schlagzeuger Europas. Auch mit 81 steht er fast täglich auf der Bühne. Wie macht er das?

Was ihn fit hält? Sein Schlagzeug: Pierre Favre. Foto: pd

Was ihn fit hält? Sein Schlagzeug: Pierre Favre. Foto: pd

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Herr Favre, hat man ein Gefühl für Rhythmus, oder man hat es eben nicht?
Falsch. Menschen haben unterschiedliche Begabungen, aber dass man Rhythmusgefühl nicht lernen kann, halte ich für Unsinn.

Jeder kann ein Pierre Favre werden?
Jeder Mensch trägt Musik in sich. Viele tragen sie aber im Verborgenen ein Leben lang, weil Klischées verhindern, dass sie raus kann.

An welche Klischées denken Sie?
Einmal hat eine Brasilianerin nach meinem Konzert gesagt, sie sei bisher immer der Überzeugung gewesen, dass wir bei uns in Mitteleuropa die Intelligenten seien und sie, die Südamerikaner eher die Affen.

Die Affen?
Ja, lebendiger, körperlicher.

Was sagen Sie dazu?
Das sind antrainierte Rollen, die man ablegen kann, man hat hier wie da Rhythmus im Blut, man muss nur wagen, sich zu öffnen. Man findet zur Musik, wenn man sie liebt.

Sie haben Konzerte auf der ganzen Welt gegeben, haben alle Stilrichtungen des Jazz durchgetaktet und haben als Solist die grossen Säle gefüllt. Haben Sie denn keine kulturellen Unterschiede im Publikum wahrgenommen?
Doch, natürlich. Eben, kulturelle Unterschiede sind auch angelernt.

Welches Konzert haben Sie am schönsten in Erinnerung?
Darf ich drei nennen?

Weil Sie so viele gegeben haben, ja.
Also. Rio de Janeiro 1976, fantastisch. 2000 Menschen und alle lebten mit, Studenten, alte und junge Menschen standen um mein Schlagzeug, so voll war der Saal. Und dann am Jazzfestival 1972 in der Berliner Philharmonie. Und Mumbai 1978, das war wieder ganz anderes, auch sehr ergreifend. Wissen Sie, da gehen 80-Jährige mit, sie freuen sich, sie haben dieses Feuer.

Sie selbst sind 81.
Wie die Zeit vergeht. Mich hat das Feuer auch nicht verlassen, das Fieber ist nicht gesunken.

Wann haben Sie sich denn angesteckt mit diesem Fieber?
Das war vor 65 Jahren. Die Leute sagten, Schlagzeug sei Lärm. Oder sie waren grosszügig und fanden, es sei halt modern. Beides sagen sie noch heute noch.

«Ein Ton, dann geht es los, dann kommen die Ideen.»

Wie kam es dazu, dass Sie sich fürs Schlagzeug entschieden haben?
Mein Bruder brauchte Perkussion für sein kleines Tanzorchester nahe Neuchâtel, wo wir gewohnt haben. «Hilf mir», hat er gesagt. Ich dachte nicht, dass das geht, aber ich habe es ausprobiert. Zehn Tage später stand ich auf der Bühne.

Wo sie bis heute oft anzutreffen sind.
Ja, manchmal sind es sieben Konzerte die Woche, manchmal aber auch weniger.

Das ist anstrengend. Was hält Sie fit?
Das Schlagzeug. Ich bin so, so glücklich, wenn ich Schlagzeug spiele. Ein Ton, dann geht es los, dann kommen die Ideen. Das geht durch den Körper, die Musik kennt ja kein Alter.

Sie haben mit Louis Armstrong oder mit Chet Baker performt. Wer kommt als nächstes dran?
Ich spiele mit allen, wie es sich ergibt. Es gibt viele tolle Musiker, da bin ich nicht festgefahren.

Nicht mehr aus der Schweizer Musikszene weg zu denken: Pierre Favre mit Irène Schweizer am Schaffhauser Jazzfestival 2011. Video: Youtube

Wie haben Sie das Konzert mit Armstrong in Erinnerung?
Freunde fragten, «warst Du aufgeregt»? Nein. Ich war in die Musik vertieft, wie immer. Egal, wem ich begegne, auf der Bühne lebe ich für den Klang. Aber Menschen, die ich einmal fernab der Bühne treffen möchte, die gibt es schon.

Wen zum Beispiel?
Ach, am liebsten diesen Amerikaner mit den schönen Filmen in Paris. Ich liebe ja Paris, ich habe so viele Jahre da gelebt. Er ist Klarinettist, wie hiess er gleich?

Woody Allen?
Genau.

Wo möchten sie ihm begegnen?
In einer Bar. Ich stelle mich dazu und bestelle das, was er trinkt. So wie vor ein paar Jahren in Berlin, da lernte ich Jeanne Moreau kennen, rein zufällig, ich wusste nicht, wer da vor mir steht.

Und sie nicht, wer vor ihr steht?
Oh, das ohnehin nicht. Solche Begegnungen sind jedenfalls die Schönsten, sie sind ohne Vorurteile.

«Ich reise viel und nehme musikalische Eindrücke mit. Ich will sie nicht kopieren, ich will sie verweben.»

Welchen Weg wollen Sie musikalisch weitergehen? Verlassen Sie sich auf ihr grosses Repertoire, oder komponieren Sie Neues?
Ich experimentiere laufend. Jeden Tag stehe ich auf und spiele ein bisschen Schlagzeug in meinem Keller. Leise, sanft. Zwischendurch komponiere ich, ich brauche aber immer auch viel Raum für die Improvisation. Und für die Diskussion mit meinen Mitmusikern.

Wie würden Sie selbst Ihre musikalischen Wurzeln beschreiben?
Das ist eigenartig. In China sagen sie mir, ich spiele wie ein Chinese. In Südafrika, ich kombiniere die Rhythmen Afrikas neu und so weiter. Die Sache ist die. Ich reise seit vielen Jahren und nehme musikalische Eindrücke mit. Ich will sie nicht ­kopieren, ich will sie verweben. Es soll keine Kollage aus den Eindrücken entstehen, sie sollen Inspirationen sein, die zu einem runden, Ganzen führen, daran arbeite ich jeden Tag.

Mit welchem Ziel?
Ich versuche einfach, ein guter Musiker zu werden.

(Der Landbote)

Erstellt: 10.10.2018, 20:18 Uhr

Eine Schlüsselfigur des Free Jazz


Pierre Favre, geboren 1937 in Le Locle, gilt als der grosse Poet unter Europas Schlagzeugern – wobei er «Schlagzeug» eines dieser schrecklichen deutschen Wörter findet, die etwas ganz Fragiles ganz martialisch erscheinen lassen.

Pierre Favre war zwar auch einmal ein traditioneller Jazz-Drummer, der «time keeper» mehrerer Big Bands. Aber schon früh wurde er eine der Schlüsselfiguren des europäischen Free Jazz, und zwar nicht der weit verbreiteten brachialen, sondern der fragilen Variante, immer gemäss seiner Formel, Musik sei «poetry in motion», er versteht sich nicht ausschliesslich als «Rhythmiker».

Sein Instrumentarium umfasst eine Vielzahl von ­Becken, Gongs, Glocken und alle Arten subtil gestimmter Kleintrommeln. Seine Partner kamen nicht nur aus dem Jazz, sondern auch aus der neuen E-Musik und aus den verschiedensten Ethnien.

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