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Lieder aus dem Wohnzimmer

Alanis Morissette produzierte ihr neues Album zwischen Stillen und Wickeln im eigenen Heim. Auch in «Havoc And Bright Lights» verarbeitete sie einen Lebensabschnitt zu Musik

Ironisch bis zur wütenden Abrechnung mit den Männern: So schoss Alanis Morissette 1995 als Rockfurie mit den Hits «You Oughta Know» und «Ironic» aus dem Album «Jagged Little Pill» zum Weltruhm. Sieben Grammys und 17 Jahre später legt die 38-jährige Kanadierin am kommenden Freitag (23. August) ihr fünftes Album seit dem grossen Durchbruch, «Havoc And Bright Lights» (Columbia/Sony) vor. Darin geht es um mütterliche Fürsorge («Guardian») und Erschöpfung («Numb»).

«Um die Musik und mein Muttersein ineinanderfliessen zu lassen, habe ich unser Wohnzimmer zum Studio umfunktioniert», erzählt Morissette im dapd-Interview. «So konnte ich meinen Sohn stillen und für ihn da sein, wenn er mich brauchte.» Weihnachten 2010, am 25. Dezember, wurde Ever-Imre geboren. Unter den 14 neuen Liedern sind vielleicht Morissettes harmonischste Balladen, etwa das sanfte «Win & Win» und «'Til You». Die häusliche Albumproduktion sei ungewöhnlich gewesen: «Mein Mann und mein Sohn waren nebenan – ich fühlte mich weniger einsam.» Es blieb ihr aber auch nicht erspart, was fast alle jungen Eltern kennen: «Es war eine Herausforderung, genug Schlaf zu bekommen.»

Politisch und autobiographisch

Die häusliche Idylle mit den lebensabschnittüblichen Einschränkungen bedeutet aber nicht, dass in Alanis' Welt nun alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Wenn Morissette heute etwas aufbringt oder wütend macht, schreibt sie einen Blog-Beitrag für die «Huffington Post» – etwa über das in den USA seit dem «Time»-Cover mit der ein grösseres Kind stillenden Frau heiss diskutierte «Attachment Parenting» – bindungsstabile Erziehung. «In Europa und dem Rest der Welt hätte ich keinen Gedanken über diesen Artikel verschwenden müssen. Denn da würden alle sagen: Selbstverständlich! Aber Amerika ist etwas anders, und sie flippen wegen eines Busens aus, oder wegen ihres eigenen Körpers und ihrer eigenen Sexualität. Es gibt hier viel Drama, wenn Leute eine stillende Frau sehen oder irgendeine Form von Nacktheit.»

So akademisch der Blog, so genau und direkt sind Morissettes Beobachtungen in Songs wie «Woman Down», «Empathy», «Numb», «Havoc», «Receive» und «Edge Of Evolution». «Viele Leute haben gefragt, wo ist dein Zorn geblieben. Ich sage, nun, unter den Dingen, die mich wütend machen ist, dass unsere Regierungen nicht das Einkommen von Leuten begrenzen, die wirklich genug haben und dafür sorgen, dass all diese Mütter nicht arbeiten müssen. Wenn sie arbeiten wollen und ihren Beruf ausüben können wie ich, um erfüllt zu sein, dann grossartig! Aber es sollte niemals einen Zwang geben.»

Alle Alben Morissettes tragen autobiographische Züge, halten bestimmte Lebensabschnitte fest: «Supposed Former Infatuation Junkie», «Under Rug Swept», «So-Called Chaos» und zuletzt «Flavors Of Entanglement» von 2008, mit dem sie die Trennung vom Schauspieler Ryan Reynolds verarbeitete. «I've been wasting time clawing my way to you / Taking no prisoners with my romantic crimes» singt sie nun in «'Til You». Die Zeiten der Zeitverschwendung mit den falschen Typen und der Liebesverbrechen sind nun vorbei. «Wir sind Tiere mit unterschiedlicher Physiologie und Biochemie, so anders», sagt sie und lacht entspannt. «Aber wir haben auch Gemeinsamkeiten, zumindest können wir uns gegenseitig helfen. Wenn wir zu den Unterschieden stehen, können wir ein bisschen mehr Harmonie haben.»

Aufpasser und Freiheitswächter

«Havoc» – Chaos und Verwüstung – steht für ihre eigene Verwirrung über die Veränderungen, die das Leben mit ihrem kleinen Sohn mit sich brachte. «Bright Lights» steht für die schönen Momente, erklärt die Musikerin. Da geht es im Refrain von «Guardian» um ihr Kind, in den Versen dazwischen mahnt sie sich, sich vor lauter mütterlicher Fürsorge nicht selbst aufzugeben. «Einem Neugeborenen erfüllt man jedes Bedürfnis, jede Notwendigkeit. Wenn sie dann etwas grösser werden und ihre Welt erkunden, bewacht man ihre Sicherheit und schützt zur gleichen Zeit ihre Freiheit. Das ist ein delikates Gleichgewicht.»

Und wenn die Kollegen von U2, Linkin Park und Pink Floyd von diesem Gefühl der Abstumpfung und Gefühllosigkeit singen – «Numb», «Comfortably Numb» - dann ist das bei einer jungen Mutter etwas ganz anderes. «Es ist die weibliche Version. Frauen sind fürsorglich. Und die Wahrheit ist, dass wir etwas für uns tun können, indem wir uns auch einen Teil unserer Fürsorge selbst zukommen lassen. Die Gefühllosigkeit, die ich selbst und andere Frauen fühlen, ist die gegenüber unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen.»

Morissette ist auf Tournee, bis Anfang November überwiegend in Nordamerika. Aber auch Konzerte in Deutschland werden geplant, versichert sie. Kolleginnen und Kollegen habe sie schon «eine Million Fragen gestellt», wie sie Konzerte und Kind unter einen Hut bringen. «Am Ende müssen wir unseren eigenen Rhythmus finden und Daumen drücken, dass wir etwas Schlaf bekommen», sagt sie.

Uwe Käding/dapd

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