«Manchmal fliehe ich in meinen Keller»

Vor zehn Monaten wurde die Thunerin Veronica Fusaro (20) mit dem Gewinn des Nachwuchswettbewerbs M4Music auf einen Schlag schweizweit bekannt. Am Freitag könnte sie gar einen Swiss Music Award gewinnen.

Der Videoclip zu «Enchanted» von Veronica Fusaro. Quelle: Youtube


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Können Sie die letzten zehn Monate in einem Satz zusammen-fassen?
Veronica Fusaro: Uff! (überlegt lange) Spannend!

Nach einem Zwischenjahr, in dem Sie viel Zeit in Musik investieren wollten, haben Sie im Herbst mit dem Soziologie­studium angefangen. Haben Sie überhaupt Zeit dafür?
Na ja, die Musik nimmt viel Raum ein im Moment. Aber die Uni hat den Vorteil, dass man die Präsenzzeit recht flexibel einteilen kann.

Sie investieren viel Zeit und Kraft in die Musik und sind als Solokünstlerin bekannt. Können Ihre Bandmitglieder da mithalten?
Es gab in der Tat Rochaden in der Band. Weil unser Schlagzeuger ebenso wie der Keyboarder ins Militär gehen, mussten wir sie ersetzen. Aber Gitarre und Bass sind immer noch gleich besetzt, und wir haben gerade angefangen, neue Sachen gemeinsam zu proben und weiterzuentwickeln. Es kommt gut – und ich freue mich darauf, von der Erfahrung der neuen Musiker profitieren zu können.

Wie klingt Veronica Fusaro ein Jahr nach ihrem Durchbruch?
Ich hoffe, immer noch wie Veronica Fusaro. Aber man hört sicherlich eine musikalische Weiterentwicklung – sowohl im Songwriting, als auch produktionstechnisch.

Produzieren Sie Ihre Musik weiter selber?
Auf jeden Fall. Ich habe mit anderen Produzenten und Künstlern zusammengearbeitet, und das war grossartig – aber ich will die Fäden auch in Zukunft selber in Händen halten.

Mit wem haben Sie zusammengearbeitet?
Das kann ich noch nicht verraten! Es ist auch noch gar nicht sicher, was von all dem, was in den letzten Wochen und Monaten entstanden ist, dann tatsächlich auf einem Album landen wird.

Zuletzt waren Sie Ende Januar in Berlin. Was konnten Sie dort tun, das Sie hier nicht tun können?
Zunächst gibt es in Berlin viel mehr Musiker als in Thun. Der kulturelle Mix ist unglaublich, wenn Musiker aus aller Welt aufeinandertreffen. In Sachen Musik ist Berlin definitiv eine Weltstadt.

Darf ich aus dieser Aussage schliessen, dass auf einem kommenden Album auch internationale Künstler zu hören sein werden?
Es wird kommen, wie es kommt. Unmöglich ist nichts...

War Berlin immer eines Ihrer musikalischen Reiseziele, oder wurden Sie erst durch den Gewinn beim M4Music und die neuen Türen, die sich dadurch öffneten, darauf aufmerksam?
Die konkrete Möglichkeit, für zwei Wochen intensiv in Berlin arbeiten zu können, hat sich wirklich erst dank M4Music ergeben – und weil Berlin halt wirklich ein Zentrum des europäischen Musikschaffens ist.

Was haben Sie eigentlich mit dem Geld gemacht, das Sie bei M4Music gewonnen haben?
Das ist alles in die Musik geflossen – ausser vielleicht in ein Paar Schuhe.

Sie haben noch nicht einmal einen offiziellen Tonträger veröffentlicht und sind trotzdem für einen Swiss Music Award (SMA) nominiert. Wie haben Sie darauf reagiert?
Das ist schon krass! Jeden Monat war eine andere tolle Band «SRF 3 Best Talent», und dass ich nun zu den besten drei gehören soll, ist schon cool.

Die Thuner Band The Souls schaffte es nicht unter die Nominierten für den SMA. Grüssen sie Sie noch auf der Strasse?
(lacht) O nein – diese Frage ist fast ein wenig gemein. Natürlich – die Jungs sind grossartig, und wir verstehen uns bestens!

Gewinnen Sie am 10. Februar einen Award?
Keine Ahnung. Die Konkurrenz ist stark, und gerade Rapper Nemo verfügt über eine recht grosse Fanbasis.

Bands wie Pegasus, Stefanie Heinzmann oder Lo & Leduc haben schon in der Kategorie ­gewonnen, in der Sie nominiert sind. Erstarren Sie da nicht schier vor Ehrfurcht?
Wow – das sind schon grosse Namen. Doch es spielt keine Rolle, ob ich einen solchen Award gewinne oder nicht. Ich höre deswegen nicht auf, Musik zu machen. Klar ist aber: Die Anerkennung, die man für sein Schaffen erhält, ist schon cool.

Haben Sie schon ein Kleid für den roten Teppich?
(lacht) Na ja, am Anfang habe ich schon etwas Panik geschoben. Aber jetzt habe ich die Garderobe beisammen. Ein Kleid wird es jedoch kaum sein...

Bis zum Gewinn bei M4Music haben Sie all Ihr musikalisches Schaffen und das ganze Drumherum selber bewerkstelligt. Wie viele Angebote von mehr oder weniger seriösen Profis ­haben Sie seither gekommen?
Viele. Vor allem kurz nach dem Gewinn bei M4Music wurde ich in eine neue Welt katapultiert. Ich glaube aber, dass ich ein gutes Gespür dafür habe, ob jemand ernsthaft und konstruktiv mit mir zusammenarbeiten will oder ob es nur ums schnelle Geschäft gehen soll. Ich bin aber auch froh, dass ich einen Manager gefunden habe, der seit vielen Jahren Profi ist und mir mit Rat und Tat beiseitesteht.

Können Sie heute noch selber über Ihr musikalisches Schaffen, Ihre Auftritte, Plattenverträge oder so entscheiden?
Total. Ausser der Zusammenarbeit mit meinem Manager bin ich völlig unabhängig und an keine Firma gebunden. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das je sein möchte. Einzig im Verlagswesen sind wir derzeit daran, Möglichkeiten für Zusammenarbeiten zu prüfen, damit meine Werke urheberrechtlich richtig geschützt sind.

Plötzlich sind Sie mit viel administrativem Kram konfrontiert, dazu kommt das Studium. Haben Sie noch Raum für Kreativität?
Definitiv. Die letzten zwei Monate habe ich der Musik viel Zeit ­gewidmet, dem Ausarbeiten und Weiterentwickeln neuer und bestehender Ideen. Mir ist enorm wichtig, dass ich Zeit für mich habe und meine Vision von Musik weiter ausbauen kann.

Wo lassen Sie sich inspirieren?
Ich schreibe meistens in meinem Musikkeller, oft auch im Zug. Wichtig ist, dass nach einem unmittelbaren Eindruck – Wut oder Trauer – etwas Zeit vergeht. Ich kann nicht mitten in einer intensiven Emotion kreativ sein, sondern arbeite sehr oft mit Erinnerungen.

Sie sagen, Sie lassen sich in Ihrem Keller inspirieren.
Nun, das Leben spielt sich schon draussen ab. Aber im Keller habe ich die Zeit und den Raum, meinen Gedanken freien Lauf zu ­lassen.

Fliehen Sie auch in Ihren Keller?
Manchmal schon.

Fliehen Sie heute öfter, weil der Rummel um Sie heute grösser ist?
Vielleicht bewusster. Aber nicht vor dem Rummel um mein musikalisches Schaffen, sondern grundsätzlich vor den Einflüssen, die dauernd auf einen einprasseln – und nicht zuletzt vor dem Smartphone, das dauernd irgendeine wichtige Mitteilung für mich hat, die eigentlich ganz gut auch noch einen Moment liegen bleiben kann.

Nach dem Gewinn bei M4Music sagten Sie, Sie hätten keine Ahnung, was nach Ihrer erfolgreichen Debüt-EP «Lost in Thought» kommen würde. Jetzt sprechen Sie von einem Album. Müssen Sie ein Album machen oder wollen Sie?
Ich will. Definitiv. Ich habe viele Ideen, die ich umsetzen will. Aber der Weg ist noch lang, und ich bin noch lange nicht am Ziel. So sind noch keine Daten für eine Veröffentlichung oder so geplant. Ich habe noch nicht einmal bestimmt, welche Songs auf das Album kommen sollen.

Sie sind mit ein Grund, warum sich in Thun der Begriff «Thun hat Talent» schon fast als Marke etabliert hat. Waren Sie sich der grossen Talentdichte der Stadt bewusst?
Ich wusste, dass wir megaviele aktive Bands haben. Aber dass wir auch national so viel bewegen können, ist schon ausserordentlich.

Sie sind schon, ohne dass Sie überhaupt ein Album veröffentlicht haben, Dauergast bei SRF 3. Wie wollen Sie das mit dem ­ersten Album überhaupt noch
toppen?
Mit besserer Musik, mit härterer Arbeit, mit stetem Verfolgen meines Ziels, von der Musik, die ich mache und hinter der ich stehen kann, leben zu können.

Veronica Fusaro live im SRF3-Studio. Quelle: Youtube (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 06.02.2017, 19:04 Uhr

Swiss Music Award

Drei Oberländer

Am 10. Februar werden die Swiss Music Awards vergeben. Veronica Fusaro ist in der Kategorie «Best Talent» nominiert. Aus dem Berner Oberland sind ferner Überflieger Trauffer aus Brienz in den Kategorien «Best Male Solo Act» sowie «Best Album» und Georg Schlunegger aus Grindelwald mit seinem Heimweh-Chor in den Kategorien «Best Group» und «Best Breaking Act» nominiert. Die Verleihung der begehrten Betonklötze wird am Freitag, 10. Februar, um 20.10 Uhr auf SRF 2 live übertragen.

M4Music

Renommierter Titel

Das M4Music-Demotape Clinic ist der Nachwuchswettbewerb für Schweizer Popmusik des Migros-Kulturprozentes. In den vier Kategorien Pop, Rock, Electronic und Urban vergibt die Jury den mit je 3000 Franken dotierten Fondation Suisa Award. Der vielversprechendste Künstler aus den vier Stilrichtungen erhält zusätzlich die Auszeichnung «Demo of the Year» und damit weitere 5000 Franken. 2016 siegte Versonica Fusaro in der Kategorie Pop und wurde mit dem «Demo of the Year» ausgezeichnet.

Veronica Fusaro 2016 mit dem begehrten Nachwuchspreis. (Bild: zvg)

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