Mir wei nid grüble. Es isch scho rächt.

Es schien ein sicherer Wert zu sein: Die Lokalmatadoren Züri West auf der Hauptbühne des Gurtenfestivals. Doch das Konzert am Freitagabend wurde zur Knacknuss – für Publikum und Band. Am Ende kam doch noch alles gut. Irgendwie.

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Gfauts öich?», fragt Kuno Lauener ins Publikum. Das Publikum klatscht mild, und Lauener lacht gequält. Irgendwo sagt einer: «I wett scho no siner andere Lieder». Und irgendwo hält ein anderer ein Schild hoch mit der Aufschrift «W. Nuss vo Bümpliz». Nein, das war noch kein Gurten-Moment. Das war ein Murks.

Wenn Lokalmatadoren am Gurtenfestival spielen, haben sie zwei Möglichkeiten: Das Publikum gleich mit den grossen Hits füttern und ihm sofort das geben, worauf es wartet. Oder: Es zappeln lassen. Züri West wählten Letzteres. Eine Stunde lang spielten die Mannen vor allem Lieder aus einem Jahrzehnt, das viele Gurten-Besucher nur aus Er­zählungen kennen («Elvis», «Edgar»), und Songs des neuen Albums «Love» – Lieder über festgefahrene Beziehungen («Ggange ohni z’gah»), über Abschiede («Verchoufe ds Huus») und über tragische Schicksale («Schlunegger»).

Schwere Kost also, langsam, ­partyuntauglich. Es sind grossartige Songs, die aber nicht für Grossleinwandinszenierungen gemacht sind. Und das bekommen Züri West zu spüren. Der Funke will nicht überspringen.

Vielleicht liegt es am Publikum, das zu jung ist für die Probleme, die ein 56-Jähriger in seinen Songs wälzt. Das in Feierlaune ist und gerade jetzt nicht grübeln will. So lässt es auch die ersten Versuche Laueners, den Hügel zum Singen zu bringen, ins Leere laufen. Vielleicht liegt es aber auch an Züri West selbst, die in der ersten Hälfte des Konzerts nervös wirken und sich nicht richtig wohlzufühlen scheinen. Gerade Kuno Lauener kann sich lange nicht richtig freistrampeln, auch wenn er einmal selbstironisch meint: «Mir sy extrem locker, wemer vor so viune Lüt spile. Mir spile eifach mau üses Züg. U när isch guet.»

Im Video sehen Sie, wie imposant der Publikumsauflauf während des Züri-Wets-Gigs aus der Helikopterperspektive aussieht.
Video: Martin Bürki

Und dann, nach einer Stunde: Ein Hit! «Fingt ds Glück eim» lockert die Stimmung sofort auf, jemand ruft «Endlich!» und die Musiker legen einen Zahn zu. Man singt, lacht und ist glücklich. Als hätte jemand die Handbremse gelöst. Es folgen weitere gurtentaugliche Songs wie «Echo», «Traffik» und schliesslich «I schänke dir mis Härz». Jetzt kommt es doch noch zu einer Art Gurten-Moment, und alle singen mit. Plötzlich scheint das nahende Ende des Konzerts überraschend, und Züri West kommen noch zweimal raus, um Zugaben zu geben.

Und dann, zu den letzten Takten des allerletzten Songs – «Mir wei nid grüble (es isch scho rächt)» - zückt Kuno Lauener plötzlich eine Mundharmonika und spielt ein paar Sekunden. Dann sagt er: «E schöne no, tschou zäme» und verschwindet auf der riesig wirkenden Bühne. Mir wei nid grüble. Es isch scho rächt.

Berner Zeitung

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