Notizen eines Schwerarbeiters

Leicht hat es sich Bruce Springsteen nicht gemacht. In seiner Autobiografie «Born to Run» schreibt er über seine Depressionen und die beste Therapie dagegen. So süffig las sich ein Psychogramm noch selten.

Testosterongeladen, jovial, selbstironisch – aber auch verletzlich und nachdenklich:?Bruce Springsteens Memoirenband ist so, wie man den Rock-Entertainer auf der Bühne kennt.

Testosterongeladen, jovial, selbstironisch – aber auch verletzlich und nachdenklich:?Bruce Springsteens Memoirenband ist so, wie man den Rock-Entertainer auf der Bühne kennt.

(Bild: Annie Leibowitz/zvg)

In den Achtzigerjahren hatte es Bruce Springsteen endlich auch kommerziell geschafft. Zuvor hatte er sich als Garagenrocker und Barmusiker abgerackert, hatte gleichzeitig die Cover von «Time» und «Newsweek» geziert, war als Zukunft des Rock ’n’ Roll gefeiert worden und hatte schliesslich auch Europa im Sturm erobert.

Den hart erarbeiteten Erfolg zu geniessen, fiel Springsteen aber schwer. «Zu viel hemmungsloser Hedonismus und primitiver Rock-’n’-Roll-Materialismus» hätten ihn kaltgelassen, schreibt er in seiner Autobiografie «Born to Run».

«Seither habe ich einen langen Weg zurückgelegt, ich lebe in Saus und Braus, kreuze auf einer Jacht im Mittelmeer, jette im Privatflieger von Zahnarzttermin zu Zahnarzttermin. Doch die Kunst, regelmässig ‹die Sau rauszulassen›, beherrsche ich immer noch nicht. Ausser . . . auf der Bühne. Seltsamerweise fühle ich mich dort, unter den Blicken Tausender Menschen, so sicher, dass ich mich gehen lassen kann.»

Die Analysen des Kontrollfreaks

Springsteens dicker Memoirenband, an dem er während sieben Jahren gearbeitet hat, ist so, wie wir den Rock-Entertainer auf der Bühne kennen und wie wir ihn auf «Chapter and Verse», der Begleit-CD zum Buch, wieder hören: testosterongeladen, jovial, selbstironisch – aber auch verletzlich und nachdenklich.

«Die Kunst, regelmässig ‹die Sau rauszulassen›, beherrsche ich immer noch nicht.»Bruce Springsteen

«Die meisten meiner Songtexte sind auf der Gefühlsebene autobiografisch», meint Springsteen selber. Doch sein Buch ist analytischer als erwartet. Detailliert ­beschreibt er die Entstehungsgeschichte von Alben wie «Dark­ness on the Edge of Town» oder «Born in the USA.»

Als Kon­trollfreak und Workaholic setzte sich Springsteen stets intensiv mit den Grundbotschaften auseinander, die er aussenden wollte. Er war sich der Widersprüche zwischen seiner eigenen Biografie und derjenigen der Fabrikarbeiter und der Vietnamkriegs­veteranen in seinen Songs über das einfache Amerika durchaus bewusst.

Die schwierige Beziehung zum Vater

Allerdings weiss Bruce Spring­steen, wovon er singt. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen im provinziellen Freehold, New Jersey, auf. In seinen Adern fliesst irisches und italienisches Blut. Das Verhältnis zu seinen Eltern und die Bedeutung der Familie ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Buch – vor allem die schwierige Beziehung zum Vater, der dem Sohn keine Zuneigung schenkte und in dem sich dieser doch immer wieder selbst erkannte.

«Insofern bin ich, der in seinem Leben zusammengenommen keine Woche körperlich ­gearbeitet hat (hoch lebe der Rock ’n’ Roll), quasi in die Kleidung meines Vaters, eines Fabrikarbeiters, geschlüpft und zur Arbeit gegangen.»

Das Glück des Hochstaplers

Seinen Vorbildern, Förderern, Managern und vor allem den Musikern seiner E-Street Band erweist Springsteen die Reverenz, sein Glück als später Ehemann und Familienvater ist zu spüren, ohne dass er zur Emotionskeule greift. Sich selber schont der Autor nicht: «Ich weiss, dass ich gut bin, aber ich bin eben auch ein Hochstapler», schreibt er.

«Ich weiss, dass ich gut bin, aber ich bin eben auch ein Hochstapler.»Bruce Springsteen

Er verschweigt auch seine wiederkehrenden Depressionen nicht – und was er dagegen unternimmt: Im Regelfall schluckt er, der sonst nie zu Drogen griff, eine Pille. Das beste Antidepressivum bleibt aber die Konzertbühne. «Das ist auch der Grund, warum ihr mich bei Liveshows so schnell nicht wieder loswerdet», schreibt Springsteen. Und weiss dabei ­genau, wie gern sein Publikum diesen Satz liest.

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