Zum Hauptinhalt springen

Rebellen mit weichem Herz

Alles auf die Musik: Der Berner Rapper Thierry Gnahoré spannt mit dem Bieler Natan Veraguth zusammen. Als Psycho’n’Odds fahren sie ein – auch sonst sind sie beste Freunde, ja Familie.

Früh aufgestanden: Die Rapper Thierry Gnahoré (links) undNatan Veraguth am Berner Bahnhof. Foto: Raphael Moser
Früh aufgestanden: Die Rapper Thierry Gnahoré (links) undNatan Veraguth am Berner Bahnhof. Foto: Raphael Moser

Sie sind mit dem 7.15-Uhr-Zug aus Biel gekommen. Nun stehen sie auf der Rolltreppe im Berner Bahnhof, ein Zwischenhalt, gleich gehts weiter nach Berlin, der Pendlerstrom flacht ab. «Es war noch interessant, mal so früh unterwegs zu sein», sagt Natan Veraguth.

Thierry Gnahoré nickt: «Aber ich bin froh, muss ich das nicht jeden Tag machen.» Sie und ihr ganzes Umfeld ver­zichten bewusst auf einen Brotjob, setzen alles auf die Musik, auch wenn es mal eng wird. «Dann helfen wir einander aus, wir sind eine Familie», sagt Gnahoré. Das sei wirklich so kommunenmässig zu verstehen, einer für alle, alle für einen.

Ruf als Skandalrapper

Thierry Gnahoré (26), Bühnenname Nativ, hat keine Angst vor Provokation. Bekannt geworden durch ein Selfie mit dem da­maligen französischen Präsidenten François Hollande, auf dem der damals 21-Jährige den Mittelfinger zeigte. Später in den Schlagzeilen wegen eines Auslandstipendiums, das er nicht antreten konnte, weil die Vereinigten Staaten ihn nicht einreisen lassen wollten.

Dabei macht der Hüne vor allem grandiose Musik. Bern­deutschen Rap, der mit ausgefeilten Beats sehr geschmeidig klingt und auf den die Kids an Musikanlässen wie dem Royal Arena Festival in Orpund oder dem Open Air Frauenfeld total abfahren. Auf dem neuen Album wirds noch intensiver.

Als Psycho’n’Odds – also Psychonauten, die ihr eigenes Inneres erforschen – hat er sich mit Natan Veraguth zusammengetan. Dieser rappt auf Französisch, singt etwas melodiöser. Es ist Trap mit dunklem Unterton, produziert von Questbeatz, der auch für Gnahorés Band S.O.S. produziert.

Vermischung der Kulturen

Da gibt es nachdenkliche Songs wie «Grey Goose», wo Gnahoré unverblümt über seinen Hang zur Nachdenklichkeit rappt: «I bi no am Aacho, lug, aues geit so schnäu, aber i chumm nid mit», heisst es da etwa. «Ich bin von Geburt aus melancholisch», sagt er, mittlerweile sitzt er vor einer Tasse Milchkaffee.

Da sind verspielt-eindringliche Tracks wie «Vagabond», die das Lebensgefühl der beiden wohl ganz gut auf den Punkt bringen: «Baby, je suis un vagabond, impossible de retenir comme le vent» («Ich bin ein Herumziehender, man kann mich wie den Wind nicht zurückhalten»). Gnahoré hat einen Vater, der aus der Elfenbeinküste stammt, Veraguths Mutter ist Brasilianerin, beide kennen von klein auf mehrere Kulturen.

«Diaspora», feiner, aber auch eindringlicher als der Rest des Albums, mit einem Schuss Brasil, handelt davon. Mehr als einmal staunt man, wie die beiden auf diesem Album eine ganz eigene Stimmung kreieren, wie mühelos sie Deutsch und Französisch mischen, Draufgängertum und Verletzlichkeit vereinen. «Man könnte meinen, da stecke Berechnung dahinter», sagt Veraguth (29), der sich auf der Bühne Buds Penseur nennt.

Kompromisslos konsequent

Das sei es nicht. Es sei «null Strategie», einfach eine gemeinsame Vision. Gnahoré und Veraguth harmonieren gut, ihre Parts verschmelzen, ihre Themen sind dieselben. «Hunger, Streit, Liebe, Ambitionen», fasst Gnahoré zusammen. Sie kennen sich seit etwa fünf Jahren, sind beste Freunde. Und seit Gnahoré vor zwei Jahren nach Biel gezogen ist, um näher bei Mutter und Schwester zu sein, waren sie auch beinahe täglich zusammen im Studio.

Um die 50 Songs seien dabei entstanden, auf «Radiation World» finden sich 16 davon. «Es ist eine Momentaufnahme unserer jetzigen Leben», sagt Natan Veraguth, der jüngere Bruder von Noah Veraguth, Frontmann von Pegasus, einer der erfolgreichsten Popbands der Schweiz.

Natan Veraguth hat schon immer französisch gerappt, obwohl zu Hause Berndeutsch und Portugiesisch gesprochen wurde, er bewegte sich auch fast ausschliesslich in einem französischsprachigen Freundeskreis. Und er sucht im Gegensatz zu seinem Bruder nicht den grossen Hit. Stattdessen sagt er: «Wir suchen nach innerem Frieden.»

Das sind jetzt etwas grosse Worte. Und doch passen sie zu dieser Konsequenz, in der Veraguth und Gnahoré ihre Träume verfolgen. «Wir arbeiten mehr als hundert Prozent. Alles, was wir machen, ist wegen der Musik, alle Reisen, alle Ferien, es ist unsere Leidenschaft», sagt Gnahoré. Kompromisslos. Und mit einer grossen Disziplin. «Wir haben vorgearbeitet, wir haben nach diesem Projekt genügend Material für zwei Jahre», sagt er. Dann müssen sie los, die Rolltreppe runter, rein ins Leben.

Psycho’n’Odds: «Radiation World», (S.O.S., WorldwideNetwork), Konzert: Sa, 22.2., Dachstock, Reitschule, Bern.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch