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Schwarze Aphrodite vor Mona Lisa

Spektakel mit Beyoncé und Jay-Z: Das Künstlerpaar performt an speziellem Ort für das neuste Video «Apeshit».

Jörg Häntzschel
Dreifaltigkeit enigmatischer Ikonen: Beyoncé, Jay Z und die Mona Lisa im Video zu «Apeshit». (Foto: Screenshot Youtube)

2014 waren Beyoncé und Jay Z mit ihrer Tochter Blue Ivy beim Sightseeing in Paris. Natürlich besuchten sie auch den Louvre, natürlich machten sie ein Selfie vor der «Mona Lisa». Er im silbernen Anorak, sie im T-Shirt, er schon leicht genervt von den Ölschinken, sie noch aufnahmefähig. Wie täglich Tausende Paare beim Kurzurlaub.

Im Mai kehrten sie nun zurück. Doch nicht mehr als Besucher, sondern als Hausherren. Die Besucher, das sind jetzt jene 18 Millionen Menschen, die sich das Video zu ihrem Song «Apeshit» von ihrem am Samstag erschienen Überraschungsalbum «Everything is Love» bis gestern Nachmittag bereits angesehen haben – dreimal so viele, wie der Louvre im Jahr Besucher hat.

Sportwagen und Privatjets, so die erste Reaktion, sind dem Königspaar des Hip-Hop als Requisiten wohl zu billig geworden. Die Hotelsuite in Las Vegas, die Protzburg in Bel-Air reichen als Location nicht mehr, es muss der Louvre sein, samt seinen Ewigkeitswerten. Doch was anfangs wirkt wie die ultimative Housetour, erweist sich bald als raffiniert inszenierte schwarze Eroberung der weissen Kunstgeschichte.

Der Rundgang beginnt natürlich vor der Mona Lisa. Doch wer dachte, Beyoncé und Jay Z würden nun Guides spielen, hat sich getäuscht. Sie zeigen nicht Kunst, sie sind Kunst: Mit Mona Lisa in ihrer Mitte bilden sie ein Triptychon rätselhaft-faszinierender Kunstfiguren. Ihre Pastellanzüge und das viele Bling um den Hals sind nur scheinbar ein modischer Missgriff: Wir äffen die Renaissance-Ikone nicht nach wie die chinesischen Touristen, lautet die Botschaft, wir begegnen der Weissen als Schwarze und Ikonen in unserem eigenen Recht – als schwarzes Dandy-Paar.

Dieselbe Appropriation wird nun mit der «Nike von Samothrake» durchgespielt. Beyoncé sitzt der Statue zu Füssen, aber angetan mit einer Art Gefieder und so von unten aufgenommen, dass wir zu ihr noch steiler aufschauen als zu Nike. Auch sie gehört zu den Siegerinnen: «Gimme my check», verlangt sie, «Or pay me in equity (...) We livin'lavish, lavish/... I got expensive habits».

Vor der «Venus von Milo» ein ähnliches Spiel: Beyoncé im hautfarbenen Bodysuit ist die schwarze Aphrodite, nur mit mehr Kurven und schwarzen Locken: statuesker als das Original.

Jacques-Louis Davids «Krönung des Kaisers Napoleon und der Kaiserin Josephine» (1805 – 1807) ist berühmt für die Anmassung, die es darstellt: Nicht der Papst krönt die Kaiserin, sondern Napoleon. In dem Video wird der Respektlosigkeit eine weitere hinzugefügt. Hier ist es Beyoncé, die symbolisch gekrönt wird, und wie Josephine ihre Hofdamen hat auch sie ihr Gefolge aus Tänzerinnen mitgebracht.

Doch es geht den Carters, wie sich das Duo in koketter Bescheidenheit nennt, nicht nur um Statusfragen. Es geht um eine kritische Revision der Kunstgeschichte. Nehmen wir einen anderen David, die «Sabinerinnen» (1799), über den die Kamera nun streicht: Weisse Männergewalt, weisse Frauenangst! Dabei wäre es doch so einfach, meint Beyoncé auf ihrem Thron in den Galerien: «Get off my dick!»

Auch er verliert nun vorübergehend die Contenance, vor Géricaults «Floss der Medusa» (1819). Es zeigt halbtote französische Soldaten, die auf der Überfahrt zur französischen Kolonie Senegal Schiffbruch erlitten. Jay Z, so scheint es, verzweifelt angesichts dieser Kolonialisten, die Opfer ihrer selbst und schliesslich Kannibalen geworden sind.

Wie würdevoll ist dagegen jene in sich ruhende, verhüllt-enthüllte schwarze Frau im «Portrait d'une négresse» von Marie-Guillemine Benoist (1800). Es ist nicht nur eine der wenigen Darstellungen einer Schwarzen im Louvre, die nicht Sklavin ist, es ist auch eines der wenigen Altmeistergemälde dort, die eine Frau gemalt hat.

Wir sehen die Schwarze, wir sehen ein letztes Mal Beyoncé und Jay Z, bevor sie sich nun ihrerseits der Mona Lisa zuwenden, aber nicht, um das Gemälde zu betrachten, sondern, so scheint es, um in es hineinzusteigen und dort den ihnen gebührenden Platz einzunehmen.

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