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Selbst die Musikgeschichte unterschlägt Urbevölkerung Amerikas

Was das Trommeln und der Talking Blues mit der Musik schwarzer Sklaven und dem heutigen Rock verbindet, zeigt eine CD-Box auf.

Selbstironisch inszeniert der Grafiker Chad Locklear die Studioaufnahmen indianischer Musik im Artwork der CD-Box «Indian Rezervation Blues and More».
Selbstironisch inszeniert der Grafiker Chad Locklear die Studioaufnahmen indianischer Musik im Artwork der CD-Box «Indian Rezervation Blues and More».
zvg

«Ich wuchs im Reservat Six Nations mit Country- und Westernsongs auf», erzählt Murray Porter, «meine Mutter war ein grosser Fan dieser Musik.» Der hellhäutige Mann mit rundem Gesicht, grau meliertem Kurzhaarschnitt und randloser Brille lächelt in Gedanken an seine Kindheit und fegt in einer minütigen Videosequenz sämtliche Indianerklischees vom Tisch. «Doch dann», fährt er fort, «hörte ich im Radio eine eigenartige Musik, die ich sofort als die meine erkannte. Ich war wie gebannt und stellte Nachforschungen an: Blues hiess das Ding.» Er steht auf, setzt sich ans Piano, beginnt zu spielen, mit den Füssen zu stampfen und zu sprechsingen: «Der Blues hat meine Farbe.» Es groovt.

Den Blues in der DNA

Ein Mohawk-Indianer, der mit Cowboysongs aufwächst und die Musik der schwarzen Sklaven spielt – das soll authentisch sein? Elain Bomberry, Produzentin bei der Fernsehstation Rez Bluez TV, erklärt im Booklet der CD-Box «Indian Rezervation Blues and More» den wenig bekannten Zusammenhang: «Unsere Vorfahren waren da, als die afrikanischen Sklaven von den Plantagen flohen. Wohin flohen sie? In unsere Dörfer. Dort kamen sie wieder mit den Trommeln in Berührung.» Musikethnologisch gesehen ist der Blues, der landläufig als rein schwarze Musik gilt, tatsächlich ein Stil, der aus der Verbindung indianischer und afrikanischer Elemente entstand. Die Sängerin Pura Fe, Initiantin dieser ersten, umfassenden Compilation von Native Americana, geht noch einen Schritt weiter: «Wenn du B.B. King hörst oder die Slide-Gitarre von Jimi Hendrix – denk an die Gesänge der Prärieindianer! Wir haben den Blues nicht übernommen, er ist in unserer DNA.»

So hört man viel Blues auf allen drei CDs der Box. Den spirituellen «Kokopelli Blues» von Keith Secola etwa, einem der wenigen weltweit bekannten Vertreter des Genres, aber auch Derek Millers «Devil’s Blues», der in aggressivem Hardrock mündet. In der Jugend verfiel Miller wie viele Jugendliche in den Rreservaten den Drogen und dem Alkohol. Mit der Rückkehr zu seinen kulturellen Wurzeln hat er den Dämon ausgetrieben, von dem er aber immer wieder singt, um ihn zu bannen. Heute ist Miller auch als Produzent indianischer Musiker erfolgreich.

Quese «IMC» Cachahvce macht Hip-Hop mit der Band Culture Shock Camp. Sein Name bedeutet «Kleiner Adler», und wie ein solcher kreist er in englischen Texten um die perspektivenarme Situation der Jugend in den Reservaten. Julian B rappt lieber in seiner Muttersprache Muskogee. Das passt so gut, dass er auch von weissen Radiosendern häufig gespielt wird. «Musik», sagt er, «ist die Medizin. Lass sie heilen und lehren.» Lehren etwa, dass das Call-and-Response-Schema, welches sich in den «Featurings» des Rap wiederfindet, auch eine indianische Musiktradition ist.

Musik als Therapie

Mehrstimmigen Gesang pflegen aber vor allem die Damen. Puristische A-cappella-Gruppen wie das Cree-Trio Asani bestechen mit zeitlosen, fast überirdisch reinen Harmonien. Die Solistin Leilani hingegen, von einer Mutter aus Alaska und einem Vater aus Samoa geprägt, verbindet ohne Mühe indianische Perkussion mit Rap und Soulgesang. Ihre «Music Workshops for Indian Kids» ergänzt sie mit Basketballkursen; Ziel ist es, Jugendliche von der schiefen Bahn zu holen, die oft in den Selbstmord führt.

Daran ist die Sängerin Star Nayea nur knapp vorbeigeschlittert. Auch sie gibt an, durch die Musik gerettet worden zu sein, nachdem sie in den Siebzigerjahren ihren Eltern weggenommen und in einer weissen Pflegefamilie platziert worden war, wo man sie jahrelang missbrauchte. «Silenced My Tongue» geht unter die Haut – es ist das tiefbluesige Titelstück des Albums, das Star Nayea 2008 den «Native American Music Award» eingebracht hat.

CD-Box: «Indian Rezervation Blues and More». Dixiefrog/Harmonia Mundi.

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