«Selbst ein Simon Rattle wird davon überwältigt»

Taktstock-Genie Gustavo Dudamel bezaubert Europa. Nun merkt man: Ups, es war Propaganda.

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Das Simón Bolívar Orchestra wird auf der ganzen Welt bejubelt. Welchen Eindruck haben Sie von ihm?
Das Orchester spielt mit enormem Schwung. Aber in den letzten Jahren ist das Repertoire sehr konventionell geworden: Mahler, Beethoven, Wagner. Die Erfahrung unterschied sich daher nicht fundamental von einem Besuch irgendeines professionellen Konzerts.

Dirigent Gustavo Dudamel hat sich bis heute nicht von Nicolás Maduro oder Hugo Chávez distanziert.
Dudamel ist in seinen politischen Kommentaren stets vorsichtig. Er nennt in Interviews Politiker und Parteien nie beim Namen. Er bleibt immer allgemein, bis heute. Sagt etwa, dass er hoffe, dass die Dinge sich bessern würden. Dass er Venezuela gern als freies Land sehe. Solche Sachen.

Wie nahe war er Chávez, wie nahe ist er Maduro?
José Antonio Abreu, der Erfinder des gigantischen Musikprogramms «El Sistema», und Hugo Chavez waren sich sehr nahe. Chávez investierte ungeheure Summen in «El Sistema», welches das Simón Bolívar Orchestra gross machte und vorgab, mit klassischer Musik das Leben von Venezuelas Kindern zu verbessern. Chávez nutzte «El Sistema» als Soft-Power-Programm im In- und Ausland. Er selber hatte keine Ahnung von Klassik, hörte lieber südamerikanische Folklore. Auch mit Maduro waren Dudamel und andere «El Sistema»-Grössen erst eng verbunden. Von Madura hat sich Dudamel distanziert, aber «El Sistema» an sich ist weiterhin eng an den Präsidenten gebunden.

Dudamel und die Seinen wurden kaum hinterfragt, wenn sie durch Europa tourten. Sie zitieren auf Ihrer Homepage den Stardirigenten Simon Rattle mit der Aussage, «El Sistema» sei «das wichtigste Ding in der Musik, weltweit». Woher diese Verblendung?
Man muss das verstehen. Dudamel hat Energie, berauscht, liefert eine überschwängliche Show. Selbst ein Simon Rattle wird davon überwältigt. Auf der anderen Seite wissen die Zuschauer ja nichts oder viel zu wenig über «El Sistema», die politische Propaganda, in die Dudamel und sein Orchester eingebunden waren. Noch so gerne glaubt man der Behauptung des Regimes, «El Sistema» sei ein unpolitisches, rein musikalisch-soziales Programm. Das ist natürlich totaler Quatsch. Aber die Klassikwelt hat ja generell wenig Probleme mit Despoten und Diktatoren, solange ihre Musik etwas nützt. Und hinter Dudamel steht eine ganze Industrie.

Wie meinen Sie das?
In der allgemeinen Vorstellung gilt der durchschnittliche Klassikhörer als alt, reich, konservativ. Dudamel ist vital, steht für das kostbare Versprechen einer jungen, lebendigen, wilden, progressiven Klassik, die Junge begeistert und ihnen sogar die Tür zu einem besseren Leben öffnet. Klassikhörer, Klassikveranstalter, Klassikjournalisten – sie alle lieben das. Deshalb wurden Dudamel und sein junges Orchester in aller Welt hofiert. Auch ich begann meine Forschung zu «El Sistema» erst voller Bewunderung. Ich merkte erst allmählich, wie dubios die ganze Geschichte war. Die Ausgangsfrage war, wie «El Sistema» die Transformation vom vor-sozialistischen Venezuela ins sozialistische Venezula gelang, wie José Antonio Abreu sich Hugo Chávez andiente. Wie er Chávez davon überzeugte, es ginge ihm nicht um eine elitäre Ästhetik, sondern um «soziale Inklusion». Das war exakt, was Chávez hören wollte. Dann stattete er Abreu mit praktisch unbegrenzten Mitteln aus.

«El Sistema» sollte nicht nur Propaganda aus dem Orchestergraben heraus betreiben, sondern den Kindern spielerisch Werte wie Solidarität vermitteln, ihnen Hoffnung machen. Hunderttausende Kinder besuchten seine Musikschulen.
Mit zweifelhaften Ergebnissen. «El Sistema» hat keine soziale Transformation bewirkt, keine der sozialen Probleme Venezuelas gelöst oder gemildert. Es hat auch vor der gegenwärtigen Krise nicht funktioniert. Die jüngsten Studien zeigen übrigens, dass die durchschnittlichen Teilnehmer der Programme sogar privilegierter waren als die durchschnittliche Bevölkerung.

Wird «El Sistema» die gegenwärtige Krise Venezuelas überleben?
Ja. Es ist zu eng mit dem Staat und seiner Kulturpolitik verflochten, als dass es komplett verschwinden könnte. Aber die Bedeutung, die es zuletzt hatte, dürfte «El Sistema» nicht mehr bekommen. Den Musikschulen im Land fehlt es heute am Nötigsten. Sie können verbrauchte Saiten nicht mehr ersetzen und keine neuen Instrumente kaufen. Spitzenmusiker setzen sich ab oder sind bereits im Ausland. Und Venezuela ist das Geld ausgegangen, seine Orchester um die Welt zu schicken wie noch in den letzten Jahren. Daher erübrigt sich auch die Frage, ob es überhaupt politisch vertretbar ist, Dudamel und das Simón Bolívar Orchestra in den Westen einzuladen. Eine Frage, über welche die Klassikwelt leider nie gründlich nachgedacht hat.

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